Auf der Suche nach Heilung

5 Minuten mit… Richard Timel

Ich komme gefühlsmässig aus diesem Ort, an dem wir uns gerade befinden. Das ist das Bauerhaus meiner Grosseltern und hier habe ich so etwas wie Güte kennen gelernt. Ich bin 1938 geboren und in der Kriegszeit, vor allem auch nach der Kriegszeit, haben mich einige schwere Krankheiten geplagt. Nachkriegswehen.

Meine Grossmutter hat mich im wahrsten Sinne des Wortes gesund gepflegt. In der Bibel heisst es «Erschienen ist mir die Güte und die Menschenfreundlichkeit des Herrn». Hier ist die Grossmutter einzusetzen. Der Grossvater war eine sehr imponierende Persönlichkeit, ein Bauer, der sehr fleissig und ebenfalls religiös war. Durch die beiden habe ich religiöse Erfahrung gewonnen. Einerseits wie gesagt durch die Güte meiner Grossmutter. Und andererseits durch die Ernsthaftigkeit meines Grossvaters, durch seinen Einsatz für das Leben und die Natur. Das beschreibt ungefähr meine Herkunft

Hier in diesem Raum hängt das Kreuz meiner Grosseltern, das einen respektablen Ort im Schlafzimmer hatte und auch ein Rosenkranz. Man muss sich vorstellen, dass meine Grossmutter nach einem mühevollen Tag, an dem sie gekocht, gewaschen, die Tiere versorgt und am Feld mitgearbeitet hat, am Abend noch fast täglich den Rosenkranz gebetet hat. Sie hat Asthma bekommen und ist im Spital in Wien einmal fast erstickt. Der Priester, der gerufen wurde, hat ihr das Kreuz vor die Augen gehalten und sie aufgefordert, ihre Sünden zu bereuen! Das war Anlass für eine erste Kontroverse meinerseits mit der katholischen Kirche.

Hier hängt auch das Bild von Johannes XXIII, der das zweite Vatikanum einberufen hat. Er ist ein sehr wichtiger Mensch für mich. Des Öfteren war ich in Rom und habe sein Grab besucht. Und war ganz glücklich, wenn ich dort sein konnte, wo die eleganten älteren römischen adeligen Frauen zu Giovanni Ventitreesimo gebetet haben.

Hier sind buddhistische Symbole, die für mich sehr wichtig geworden sind als Zeichen, dass es möglich ist, Menschenfreundlichkeit und einen Zugang zur Weisheit über den Gottesglauben hinaus zu entwickeln. Es gibt ein Wort des Dalai Lama, das die Verbindung zwischen Buddhismus und Christentum herstellt: «Meine Religion ist liebende Güte». Und das verkörpert er auch. Was unsere Zeit braucht, ist nicht mehr Dogmatik, sondern mehr Menschenfreundlichkeit. Davon bin ich fest überzeugt.

Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich aufs Gymnasium gehe. Aber ich habe mich dort nicht so sehr integriert. Ich galt eher der Unterschicht zugehörig. Was auch mit meinem Verhalten zu tun hatte. Ich war mehr am Fussball und an körperlicher Ertüchtigung interessiert als am Lernen. Gespielt habe ich bei «Wat 16», einer sehr guten Jugendmannschaft. Das hat mein Interesse ausgemacht und ich bin immer nur mühsam durch die Schule gekommen.

Meine Eltern sahen, dass das zu mühevoll war. So habe ich schliesslich wie mein Vater Rauchfangkehrer gelernt und mit 17 ½ Jahren die Lehre mit der Gesellenprüfung abgeschlossen. Die Belastung des Sports und des Berufs – ich musste ja dort sehr viel knien – führten leider dazu, dass ich den Fussball aufgeben musste.

Mit 18 wurde ich freigestellter Mitarbeiter der katholischen Arbeiterjugend, wo ich vorher schon als Funktionär ehrenamtlich tätig gewesen war. In den ersten Tagen des Ungarnaufstands 1956, als über 180’000 Ungarn vor dem Einmarsch der Sowjetunion geflohen sind, waren wir von der Caritas die ersten in Traiskirchen, als die Flüchtlinge eintrafen. Die staatlichen Organe Österreichs waren auf einen solchen Massenansturm nicht vorbereitet. Bei der Ankunft der ersten Menschen herrschte im Lager Traiskirchen grosse Aufregung. Kinder weinten, Verletzte suchten ärztliche Hilfe, die sanitären Anlagen waren mangelhaft und prekär. In dieser Situation kamen wir auf die Idee, das mitgebrachte Kinderspielzeug an die besorgten Mütter und ihre Kinder weiter zu geben. Eine Intervention mit erstaunlicher Wirkung: die Aufregung und die Angst gingen rasch zurück. Dann kam es zu einer Reihe von Aktivitäten, um die Grundbedürfnisse der Menschen im Augenblick sicher zu stellen. Wir haben erwirkt, dass die verstopften Toiletten durchgeputzt wurden, als der Urin bis in den Gang gestanden ist, von den Bauern in der Umgebung haben wir Stroh organisiert, damit sich die Menschen trocken hinlegen konnten und wir haben die mitgebrachten Decken verteilt.

Das eindrücklichste Erlebnis war, dass unter den Ungarn ein katholischer Priester war, der in der Turnhalle in Traiskirchen zu einer Messe eingeladen hat. Jetzt musste man aber die Utensilien besorgen für die Messe –Kelch, Messgewand etc. Ich bin zum Pfarren von Traiskirchen geeilt und habe ihm mein Anliegen vorgetragen. Der Pfarrer war meinem Anliegen gegenüber verständlicherweise misstrauisch und wollte zunächst nichts herausrücken. Ich jedoch war sehr entschieden durch den Druck, den ich da mitgebracht hatte und der Pfarrer konnte mir nichts entgegenhalten. Mit den Utensilien bin ich nach Traiskirchen zurückgekommen und dort haben wir im Turnsaal heilige Messe gefeiert.

Teilgenommen haben auch im Kampf gegen die Russen verwundete Menschen. Man muss sich diese vorstellen: müde und erschöpft, die Verletzungen meist nur notdürftig versorgt… Zum Schluss haben sie die Petöfi Hymne gesungen. Da sind mir die Tränen einfach nur noch herunter geronnen, da konntest du nichts machen, sie sind einfach nur geronnen. Wie in dieser Hymne zuletzt der Freiheitswunsch kulminiert ist, das ist unvergesslich.

Nach der Tätigkeit in der Caritas und der Sozialakademie war ich im Bildungsreferat des Österreichischen Gewerkschaftsbundes tätig, vor allem in der Ausbildung von Betriebsräten, Funktionären und Mitarbeitern. Nach längeren Bemühungen stimmte der Senat der Wirtschaftsuniversität Wien meinem Ansinnen zu, die gewerkschaftsinterne Ausbildung als Basis für ein ordentliches Hochschulstudium zu anerkennen. Was war die Reaktion des ÖGB Präsidenten in seinem Wiener Dialekt? «Des machma ned! Weil die Wissenschaft macht nur unsere Leut’ deppat…» Das war der Anlass dafür, dass ich aus der hauptberuflichen Tätigkeit in der Gewerkschaft ausgeschieden bin.

Zusammen mit Herbert Schober und Richard Lehrner gründeten wir die Beratungsfirma Conecta, die in Österreich führend war darin, anschliessend an die Gruppendynamik einen eigenen Begriff von Organisationsentwicklung zugrunde zu legen. Was wir vertreten haben, war ziemlich originell und exklusiv. Vor allem, weil nach und nach der Begriff der Komplexität ins Spiel gekommen ist.

Und damit das Bewusstsein, dass monokausale Zugänge nicht ausreichen, seien sie betriebswirtschaftlicher oder auch nur organisationsstruktureller Art. Mit Komplexität umgehen heisst, sich auf verschiedenen Ebenen kompetent bewegen zu können: auf der Strategieebene, der Strukturebene, der Kulturebene und auch auf der Ebene der Personen und der Teams. Wir haben viel gelernt und uns selbst weiterentwickelt. Und mit uns haben Führungskräfte und Berater ihre Sinne geöffnet und gelernt, diese Ebenen zu sehen und ihre Interdependenz, die Wechselseitigkeit dieser Ebenen.

Mit dieser Anfangszeit in der Beratung geht einher, dass ich eine längere psychoanalytische Ausbildung absolviert habe. Und ein «ausserordentliches» Studium in Philosophie bei Professor Peter Heintel. Ihn kannte ich von einem Seminar im ÖGB und er hat mir, was sehr toll war, von Anfang an philosophische Originaltexte gegeben. Der erste war die «Phänomenologie des Geistes» von Hegel, an dem ich mich ein halbes Jahr abgearbeitet habe. Ich habe gelesen, mir Gedanken gemacht und Auszüge. Und war der Meinung, ich hätte nichts verstanden. Ich bin dann zum Peter Heintel gekommen, der hat nachgefragt und meinte dann nur: «Wie kommst du drauf, dass du nichts verstehst? Es entspricht genau dem, was du denkst!»

Von diesem Verständnis der Hegelschen Philosophie war auch mein Zugang zur Gruppendynamik geprägt. Wir damaligen Gruppendynamiker gingen vier, fünf Jahre in eine gemeinsame psychoanalytische Selbsterfahrungsgruppe unter der Leitung der sehr erfahrenen linken Psychoanalytikerin und Frauenrechtlerin Erika Danneberg. Dann war die Gründung der ÖGGO und ich kam – ich war selber am meisten überrascht – in die Verantwortung, andere auszubilden. Na ja. Das war wirklich eine Herausforderung. Aber mir hat geholfen, dass wir Lehrtrainer damals eine vertrauensvolle Gemeinschaft waren und wir uns über den jeweiligen Ausbildungskandidaten vertieft verständigt haben. Das hatte noch kommunikativen Charakter und ist erst später mit dem Wachstum und der Verschulung der ÖGGO anders geworden.

Ein nächster Baustein dann war der Kontakt mit der Familientherapie. Aber wesentlich war schliesslich der Kontakt zu Professor Luhmann: diesen haben wir öfters zu uns in die OSB eingeladen und mit ihm in Wien gearbeitet. Das war insofern hilfreich, weil man nur schwer den Zugang findet, wenn man nur seine Texte liest. Professor Luhmann war eine geistige Grösse ersten Ranges, wie immer man auch zu ihm steht. Er hat so viel hineingebaut in sein Theoriekonzept, da kam man gar nicht umhin, sich mit ihm zu beschäftigen. Und Luhmanns Herz hat für den Fussball geschlagen! Für Arminia Bielefeld. Mein Fussballherz schlägt mittlerweile für Red Bull Salzburg.

In der Kontroverse Systemtheorie – Psychoanalyse, die als Schulstreit kultiviert wurde, habe ich nicht so viel Gegensätzliches gesehen und habe stets versucht, die nötigen Verbindungen zu schaffen. Hilfreich dabei war Dr. Peter Fürstenau, der mich drei Jahre gecoacht hat. Zu dem pilgerte ich hin, nach Düsseldorf, nach Venedig. Denn er war Psychoanalytiker und hatte gleichzeitig ein tiefgehendes Verständnis von Systemtheorie. Das hat mir geholfen, diese Ebenen integrieren zu lernen. Dr. Fürstenau war ein weiterer ganz wichtiger Mensch in meinem Leben, der mich sehr wohlwollend unterstützt hat.

Wir haben immer viel experimentiert. Auf die Frage «Wie habt ihr unsere Intervention gestern im Thema «Widersprüche» erlebt?» antwortete eine Gruppe einmal: «Na ja…wir haben geglaubt, Sie sind jetzt sauer auf uns, weil sie so schnell abgehauen sind». Der Umgang mit Widersprüchen ist elementar. Es geht darum, den Blick nicht so sehr auf die Personen zu richten, sondern vorrangig darauf zu schauen, was die Systemstrukturen sind und wie man auf diese Systemstrukturen Einfluss nehmen kann.

Die Quintessenz meiner Tätigkeit und meiner Erfahrungen? Meine Entwicklung ist die Entwicklung anderer und ich bin an die Entwicklung anderer gebunden.

Wie man Menschen bewegen kann, einen Zugang zu sich selbst finden wollen? Am ehesten wohl mit Fragen.

Bist du mit deinen Potenzialen deinen Fähigkeiten in Berührung?
Wohin führen sie dich?
Was hat für dich Priorität?
Wie kriegst du auch unterschiedliche Situationen und Ebenen in deinem Leben geregelt?
Wie kommst du mit dir selber zurecht?
Was kannst du anderen zumuten?
Kriegst du da ein Gefühl dafür?
Welchem Ruf möchtest du folgen?

Wenn ich selber an die Zukunft denke? …Wenn ich selber an die Zukunft denke, wird der Übergang zum anderen Leben bedeutungsvoll.

Wenn möglich, wünsche ich mir einen sanften Tod.

1 Kommentar zu „Auf der Suche nach Heilung“

  1. Annemarie

    Das ist wirklich ein sehr schöner Text. Und ein sehr schönes Leben. Danke, Claudius, dass du das eingefangen hast!

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