Berlin, Paris, Birsfelden

Espresso an der schicken Kaffeebar im Eingangsbereich der Personalabteilung, wenige Tage nach den Anschlägen von Paris. Die Geschäftsleiterin fragt, was ich zu den Attentaten sage.

Ich zögere. Was soll ich dazu sagen? Ist sie so betroffen? Interessiert sie meine Meinung wirklich? Will sie mir auf den Zahn fühlen, was ich wirklich denke und wer ich darum „wirklich bin“? Will sie nur smalltalken? Über eine Tragödie? Um nach dem, übrigens ausgezeichneten, Espresso zum geplanten Gespräch überzugehen? Hallo?

Egal. Ob sie sich im Thema vertan hat oder ob sie ein Assessment mit dem potenziellen Ausbilder ihrer Führungskräfte macht – es ist kein Moment für Abkürzungen.

Meine Antwort würde mehr Zeit beanspruchen als Smalltalk vorsieht. Ein pseudobetroffenes „Ja, eine schlimme Sache“ wäre frivol und fällt darum weg. Um ein halbes Lichtjahr zu kurz greift „Die Guten müssen jetzt die Bösen bestrafen“. Noch nie hat so eine Einstellung ein hochkomplexes soziales oder gesellschaftliches Problem gelöst. Schlicht zynisch wäre es aber auch, den „Globalisierte-Gesellschaft-und-Terroristen-Versteher“ zu markieren. Dieser Angriff auf die offene Gesellschaft, diese Intoleranz darf, frei nach Popper, nicht toleriert werden.

Als Gruppendynamiker muss und will ich gerade jetzt jede Abkürzung vermeiden. In diesem Moment tiefer Betroffenheit, aber eigentlich immer geht es darum, auf Gemeinsamkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit hin zu arbeiten. Gruppendynamik ist der Versuch, dafür Formen gemeinsam mit Personen, Gruppen und Organisationen zu finden. Für diese Werte und diese Formen will ich einstehen.

Aus dem Espresso an der Bar im Eingangsbereich werden mehrere. Das Sitzungszimmer bleibt ungenutzt. Nicht aber die Chance, die Grundwerte und Idee der Gruppendynamik als Werkzeug zu nutzen für eine gemeinsame Arbeit an einer nicht allzu einfachen Welt.

 

2 Kommentare zu „Berlin, Paris, Birsfelden“

  1. Ursa

    Bravo Claudius
    Du hast die Chance genutzt und Dein Menschenbild weitergegeben.
    Dies ist dringend notwendig, weil so viele heute mit Pseudobetroffenheit reagieren.
    Deine Gedanken machen meine Gefühle in dieser ver-rückten Welt erträglicher.
    Weiter so!
    Ursa

  2. Silvia Erb

    Hallo alle
    Ja, da gehe ich ganz mit euch, was den Angriff auf die offene Gesellschaft betrifft. Und weil ich eben ein Teil dieser Gesellschaft bin, trifft es mich zwar indirekt und trotzdem direkt.
    Egal in welchem Zusammenhang. Es benötigt immer viel Standhaftigkeit um Ungerechtigkeit auszuhalten. Ich bin aber der Meinung, dass nur im Innehalten, im Versuch herauszufinden was “da los ist” und im gegenseitigen sich verstehen wollen die Lösung liegen kann.
    Oder eben, Abkürzungen vermeiden!
    Silvia

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

Folgende HTML Tags und Attribute sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

CAPTCHA
Change the CAPTCHA codeSpeak the CAPTCHA code