Darum kann sein, was nicht sein darf

Es fällt niemandem auf, dass die Kollegin N. sowie die Kollegen A. und S. schon monatelang nicht mehr anzutreffen sind im Grossraum Büro, das für 100 Kolleginnen und Kollegen ausgelegt ist und von 300 Büro-Rollcontainer schiebenden Kundenbetreuern genutzt wird. Auch der Chef kriegt es nicht mit. Der sitzt in Amerika und sieht die drei eh regelmässig per Skype. Ein Portier wie in den alten Zeiten hätte vielleicht kritische Fragen gestellt. Aber den gibt es schon lange nicht mehr in der Aussenstelle.

Angefangen hatte alles mit N. Ihr war aufgefallen, dass der Raum 3.11 in der Aussenstelle am Stadtrand nicht über das „Center of Excellence“ in Bangalore reserviert werden konnte für Kundentermine. Ihre nachdrückliche Nachfrage in Indien hatte ergeben, dass es einen solchen Raum nicht gebe. Als N. insistierte, sie schreibe gerade in diesem selben Moment aus 3.11 liess sie der freundliche Kollege in Indien wissen, dass das „Center of Excellence“ über genauste Pläne der Räumlichkeiten in jenem Gebäude verfüge und dass er ihr versichern könne, dass sie sich in einem anderen Raum aufhalten müsse.

N. war spätestens jetzt klar geworden, dass es zwecklos war, den Kollegen umzustimmen. Ganz zu schweigen davon, ihm beizubringen, dass es mit dem Raum 3.09 noch einen Zwilling von 3.11 gibt – ebenso ungenutzt und nicht buchbar wie 3.11.
Gleichzeitig hatte N. das starke Gefühl, dass dieser Moment von Bedeutung war und etwas ganz Besonderes sich ankündigte. Sie hatte die letzten Schulungen in Entrepreneurship aufmerksam verfolgt und hatte das ungenutzte Potenzial dieser Situation erkannt: Die beiden Räume waren näher beim Kunden, würden flexibleres Handeln ermöglichen, unnötige Transportkosten sowie kostbare Zeit sparen für Raumreservation und Anreise aus dem Grossraumbüro. Und kein Schwein wusste von 3.11 und 3.09. Niemand. Ausser sie.

Auch N.s engste Arbeitskollegen A. und S. sahen das so. Diese Räume MUSSTEN genutzt werden, das war klar. Zum Wohl der Kunden, zum Wohl des Unternehmens, getreu dem Firmenmotto „Make it happen – now“

Rasch fanden im Keller vergessene und damit ebenfalls nicht existente ausrangierte Möbel aus den 90er Jahren den Weg in die beiden Räume. Und so nahm das nicht existente Aussenbüro seinen Betrieb auf.

Es operiert noch immer. Unerkannt von den Raumlogistikern der Firma und erfolgreich. Nur die ahnungslosen Kunden fragen sich, wie ihre drei Kundenbetreuer es schaffen, in Zeiten brutaler Kostensenkungen in deren Firma dauernd so guter Laune zu sein.

3 Kommentare zu „Darum kann sein, was nicht sein darf“

  1. Anneliese von Felten

    Eine leise und lustige Satire über das Leben in einem (wahrscheinlich global tätigen Gross-) Unternehmen und den kreativen Umgang von findigen Leuten mit gut gemeinten Plänen vom Reissbrett. Ich wäre nicht erstaunt, wenn diese Geschichte 1:1 wahr wäre :-).
    Vielen Dank, Herr Fischli!

  2. Silvia Erb

    Nun ja. Moderne times meets Nostalgie.
    Glücklicherweise finde ich in meinem Leben von beidem etwas und darüber hinaus habe ich auch noch das Privileg, selber zu entscheiden.
    Ich grüsse alle modernen Denker mit nostalgischem Flair. 😉
    Wie wirbt jener Sportartikelhersteller: just do it!

    In diesem Sinne frohe Frühlingstage

    Silvia Erb

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