Das Geheimnis des Glücks

Dieser frühe Morgen, er nimmt es wirklich ernst, das mit dem Winter. Es ist kalt. Sehr kalt. Saukalt. Nicht einfacher macht es der Rollkoffer. Den ziehe ich wie einen kleinen Schneepflug hinter mir her, alle paar Meter einen kleinen Schneematschhaufen hinter mir zurück lassend. Es ist, kurz gesagt, eine etwas mühsame Sache, diese Viertelstunde Marsch von der Bushaltestelle zu meinem Kunden.

„Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht wird glücklich. André Gide“ lese ich von weitem schon auf der Schiefertafel im Eingangsbereich der firmeninternen Cafeteria. Ich freue mich auf die Wärme, den heissen Kaffee und die 20 Minuten Einstimmung auf das Gespräch an einem gemütlichen Plätzchen drinnen.

Doch die Tür geht nicht auf. Schnell ein Blick auf die Öffnungszeiten… Geöffnet ab 8.30h. Mist. In diesem Moment geht eine Angestellte drinnen an der Tür vorbei. Sie sieht mich, öffnet die Tür mit dem Schlüssel und ich freue mich schon über ihre Freundlichkeit, mich ausserhalb der Öffnungszeiten ins Warme zu lassen.

„Äxgüsi, wir haben noch geschlossen“ teilt sie mir freundlich mit. In einem Ton, als ob sie mir mitteilen wollte, dass die Involtini mit den gedämpften Kohlräbli leider schon aus sind.

Ich: „Kann ich ausnahmsweise doch einen Kaffee…”
Sie: „Nein, ich kann sie nicht in der Cafeteria warten lassen“
Ich: „Und hier im Eingangsberich?“
Sie: „Nein, im Eingangsbereich können sie auch nicht warten“
Ich: „Es ist noch 20 Minuten bis zu meinem Termin und sehr frisch hier draussen…“
Sie (etwas weniger freundlich): „Die Öffnungszeiten waren nicht meine Idee. Im Fall. Adieu!“

Die 20 Minuten in der Kälte vergehen wider Erwarten wie im Flug: Der Wutanfall über so viel Ignoranz gibt sehr schnell sehr warm. Und die restlichen 19,5 Minuten bin ich damit beschäftigt, wieder abzukühlen. Und mich zu fragen, wie viele Möglichkeiten pro Tag ich selber übersehe, andere glücklich zu machen.

14 Kommentare zu „Das Geheimnis des Glücks“

  1. Silvia Erb

    Lieber Claudius
    Die Dame scheint zwar die Anweisungen der Firma, was zu früh auftauchende Kundschaft im Eingangsbereich betrifft, zu kennen. Doch irgendwie hat die Firma verpasst, das Personal mit dem Cafeteria Slogan vertraut zu machen.
    Leider! Ist sich die Dame doch nicht bewusst, was sie mit dem Nicht-beherzigen dieses Mottos täglich verpasst. Selber glücklich zu sein!
    Auf der täglichen “Jagd” nach glücklichen Momenten könnte es vielleicht hilfreich sein, zum Beispiel das eigene Handy ausnahmsweise mal in der Tasche zu lassen, und anstatt mit offenen Augen der Umwelt zu begegnen. Möglichkeiten zu entdecken, Mitmenschen glücklich zu machen. Ein Versuch ist es wert.

    Danke für die amüsante Geschichte und danke für den Ansporn, mit offenen Sinnen durch den Tag zu gehen.

    Herzlicher Gruss
    Silvia

  2. Regula Müller Thut

    Lieber Claudius
    Immer wieder erstaunlich, mit wie wenig wir uns gegenseitig zu einem glücklichen oder einfach guten Moment verhelfen könnten.
    Spannend sicher auch, wie das Gespräch mit deinem Kunden lief; die ersten ‘Kultureindrücke’ prägen auch uns Beratende!!
    Heb en glückliche Tag, herzlich Regula

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Regula
      Mehr den “Balken in meinem Auge” zu sehen als den “Splitter im Auge” der Angestellten hat das Gespräch sicher nicht nachteilig beeinflusst 🙂 Danke für Deinen Kommentar und Deinen schönen Wunsch für den Tag!

  3. Helga Weule

    “Es ist nichts so schwer zu ertragen,
    als eine Reihe von glücklichen Tagen”.
    Das fällt mir dazu ein und ich entdecke auch in vielen Beratungen, dass Menschen wirklich Angst vor Wohlbefinden und Glück haben. Das Unglück und die Unzufriedenheit ist wohl allgemein bekannter, vertrauter, gewohnter und die Regeln (z.B. der Öffnungszeiten) “sicherer” als Mitgefühl und Wohlbefinden.
    Danke für die kleine Alltagsgeschichte, die viel erzählt.
    Mögest Du wenns kalt ist immer einen schönen heißen Kaffee zum Herzerwärmen haben!
    Helga

    1. Dr. Claudius Fischli

      …wenn ich an die zwischenmenschliche “Temperatur” im Rahmen der Veranstaltung letzten Samstag in Wien denke, dann freue ich mich auf einen weiteren Kaffee mit Dir – zum Wärmen und Weiterdenken! Alles Liebe und bis bald wieder!

  4. Karin

    Lieber Claudius
    Wie gut kenne ich diese Situation.
    Ich bin früh im Laden um noch Dinge vorzubereiten, Pakete auszupacken usw. Ich husche also auch im Laden hin und her und beobachte Herren die gerne ins Geschäft kommen würden, an der Türfalle rütteln, aber oha es ist eben noch geschlossen. Schon alleine wie sie mich anschauen, mit solchen Dackel Augen, ich könnte sie nie einfach so stehen lassen oder nett abservieren. Von den meistens guten Verkäufen die ich so noch vor der Öffnungszeit machen kann, wollen wir gar nicht reden, aber auch die netten Gespräche und am Schluss die Freude quasi in einem Laden ganz alleine eingekauft zu haben, weil er ja noch geschlossen ist, dass können sonst doch nur die ganz grossen Stars….. oder?
    Auf jeden Fall wäre diese Dame für mich eine Herausforderung gewesen, ich glaube ich hätte nicht locker gelassen….!
    Es ist schade, dass nicht mehr Menschen merken, dass wenn sie jemandem etwas Gutes tun, auch meistens etwas zurück kommt und sei es auch nur ein nettes Lächeln oder ein herzliches Dankeschön.
    Vielen Dank für deine amüsante Geschichte, es ist immer eine Freude Deinen Blog zu lesen.
    Herzgruss Cali

  5. Claudia Benninger

    allegra
    Famos, dass ich den letzten Jahren das Glück hatte, einige Menschen kennen zu lernen, welche sich an diesem Blog beteiligen und wie glücklich, dass ich hier von Zeit zu Zeit wieder auf sie treffe :).

    Ich wünsche allen eine warme Zeit
    Claudia

  6. Ute

    Erfrischend Claudius, herrliche Szene – die mich nicht allein fühlen lässt, wenn in mir wieder einmal der Gedanke aufsteigt, ich sei im falschen Film. Vielleicht läufst Du mir nächstes Mal über den Weg, das gibt Hoffnung 😉
    einen guten Tag aus Wien schickt Ute

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