Der Delfin Effekt

Es ist ganz ruhig im Raum. Die Leute schauen erwartungsvoll in meine Richtung. Die Ziele und die Tagesübersicht sind präsentiert. Fragen gibt es keine. Es kann losgehen.

Die Teilnehmenden schlüpfen für die erste Übung in eine improvisierte Identität, eine Art Wunschexistenz ausserhalb der tatsächlichen beruflichen Situation. Das scheint scheinbar mühelos zu gelingen. Dann jonglieren sie ein Netzwerk von Begriffen und Beziehungen. Sie scheitern. Sie versuchen es nochmals und scheitern erneut. Sie lachen über das Unvermögen angesichts der scheinbar leichten Aufgabe und sind doch neugierig, woran es liegt, dass es nicht so richtig hinhaut. Sie denken laut nach, machen Vorschläge, kommen auf ein paar Punkte und versuchen es wieder. Jetzt gelingt das Zusammenspiel schon besser.Dann spielen sie szenische Miniaturen und erforschen Bedingungen eines Miteinanders, das neue Sichtweisen und Lösungen für ihre Arbeit ermöglicht. Sie setzen sich in Beziehung zu einander, entdecken, wie sie sich blockieren und wie sie sich gegenseitig Raum schaffen. Sie erfinden kleine und grössere Geschichten und schreiben dabei eine neue Geschichte. Gemeinsam. Als Gruppe.

Ein anderer Raum, eine ganz andere Gruppe von Leuten. Auch sie schauen in meine Richtung. Es ist auffallend still. Auch sie sollen Ansatzpunkte finden für Kooperation über bestehende Grenzen hinaus. Sehr schnell die erste Frage: Warum sie eigentlich hier sein soll fragt eine Teilnehmerin und was ihr das bringen wird. Denn sie habe eigentlich viel zu viel zu tun, um einen ganzen Tag “für nichts” zu verbringen. Ihre Kolleginnen und Kollegen würden in dieser Minute noch härter arbeiten als sonst, weil sie fehle. Und solche Tage hätten bislang auch nichts gebracht.

Ich bin nicht sicher, ob sie fragt, um eine Antwort zu kriegen. Trotzdem antworte ich. Dass der Tag gedacht sei, um sich persönlich besser kennen zu lernen, Kontakt aufzunehmen miteinander, Möglichkeiten der Disziplinen übergreifenden Zusammenarbeit zu entdecken und zu erproben.

Wie erwartet befriedigt die Antwort nicht. Sie und andere im Raum verstehen nicht, wie das gehen soll: Jeder muss zuerst etwas investieren, damit alle mehr zurückbekommen zugunsten einer besser funktionierenden Zusammenarbeit? Hallo? Wie bitte? Niemand im Raum ist schlechten Willens. Aber der Glaube ist sehr überschaubar, dass „Geben vor Nehmen“ ein gutes Geschäft sein kann.

Es wird vermutet, dass Delfine in freier Wildbahn aus dem Wasser springen, um schneller vorwärts zu kommen, sich zu orientieren und weil sie spielen wollen, also aus „Freude“. Delfine in Gefangenschaft springen nur noch, wenn sie wissen, dass es eine Belohnung gibt. Wenn überhaupt.

5 Kommentare zu „Der Delfin Effekt“

  1. Christine Jäger

    Wieder einmal ein sehr spannender und unterhaltsamer Blog! Als Teilnehmer eines Seminars kann man nicht erwarten, dass man alles vom Trainer geliefert bekommt und selbst nicht dazu beitragen muss. Leider fängt diese Art des passiven Lernens oft schon in der Schule an und kann nachher nicht mehr so einfach abgelegt werden.

  2. ute

    Der Text spricht mir so aus der Seele: Wie die Leute auf Resultatorientierung abgerichtet werden bzw. sich abrichten lassen darauf. Und prompt nicht mehr “umschalten” können: Dass eben doch nicht alles von “oben” oder von “aussen” kommt und eine (Rest)Verantwortung bleibt verschwindet zu oft komplett vom Radar…

  3. Ursa

    Was für ein Kontrast! Auf der einen Seite die Gruppe die neugierig ist und sich lustvoll auf neue Erfahrungen einlässt.

    Auf der anderen Seite eine Gruppe die nach dem kurzzeitigen, gewinnorientierten Prinzip lebt. Nur das schnelle Ergebnis ist wichtig.

    Eine Teilnehmerin scheint von Anfang an zu wissen – wer hat ihr eigentlich den Kurs bezahlt? – dass solche Tage nichts bringen. Zudem versteckt sie sich hinter ihren Kollegen, die jetzt für sie „mit“-arbeiten müssten. Was für ein Mumpitz!

    Statt nur an den eigenen künftigen Gewinn zu denken, könnte sie ja etwas für ihre langfristig wirksame Herzensbildung tun und sich in der Gruppe auf eine Entdeckungsreise einlassen. Die Erfahrung von Spass und Lebensfreude – Delfinsprünge! – mit nach Hause nehmen und feststellen, dass „Gruppe“ einen kaum in Geld auszudrückenden Mehrwert vermitteln kann und, ganz besonders langfristig, durch schwierige Situationen trägt.

    Ich hoffe, sie hat sich wenigsten noch an „Respekt gegenüber anderen“ erinnert und ihr egozentrisches Verhalten ein wenig mildern können.

  4. Marco Bucher

    Einverstanden, solche Situationen kenne ich aus dem Alltag als Führungskraft. Aber es ist gleichzeitig auch so, dass die Vorgaben “von oben” oft eng und oft widersprüchlich sind, dass es schwer ist, den eigenen Spiel-Raum zu verteidigen als Mitarbeiter – egal auf welcher Stufe. Durchaus selbstkritisch muss ich sagen: Hier haben wir Chefs noch einiges zu tun, um zwischen “oben” und “unten” gut zu vermitteln. Danke für Deine Blogs, Claudius!

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