Der Seminarraum, unendliche Weiten

Der Seminarraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Sternjahr II15. Dies sind zwei Logbucheinträge von Reisen in bislang unbekannte Galaxien, Lichtjahre vom Heimatplaneten entfernt.

Sternzeit II15,C906. Die junge Frau aus der Fernsten Östlichen Galaxie schaut bereits länger ins Leere. Eigenartig. Kurz zuvor war sie doch noch sehr aktiv gewesen und hatte wichtige Rückmeldungen zum Verlauf der gemeinsamen Arbeit gegeben. Ich frage, ob alles in Ordnung ist. Gar nichts ist in Ordnung. Im Gegenteil. Sie ist völlig aufgelöst. Sie hat gewagt, mir eine kritische Frage zu stellen. Ihrem „Lehrer“! Vor der ganzen Gruppe! Und ist jetzt tief beschämt, weil ich keine eindeutige Antwort auf ihre Frage wusste. Sie entschuldigt sich bei mir, dass sie den Sinn von Offenheit falsch verstanden und mich vor der Gruppe blossgestellt habe. Ich verstehe zunächst nur, dass ich nichts verstehe. Sie hat doch nur gefragt, was alle hätten fragen sollen! Aber nach und nach wird klar, dass sie aus einer wirklich, wirklich entfernten unbekannten Welt kommt. Einer Welt, in der ein „Lehrer“ auch auf unbeantwortbare Fragen eine Antwort haben muss. Und eine ausbleibende abschliessende Antwort den ultimativen Autoritätsverlust bedeutet.

Sternzeit II15, D307. Die Mission hat das Ziel, den Planeten Schule in die Zukunft zu führen. Zentrales Lernfeld dabei ist unter anderem das Mitsteuern des eigenen Lernprozesses durch das Engagement der Teilnehmenden als mitverantwortlicher Teil einer Gruppe. Absicht: in bereits bestehender oder zukünftiger verantwortlicher Funktion enge Kooperation der Pädagoginnen und Pädagogen zugunsten der anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Dauerfeuer vom Planeten Angst und ein Kraftfeld bislang ungeahnten Ausmasses namens „Autonomie“ drohen die Mission immer wieder vom Kurs abzubringen. Autonomie scheint sehr wichtig und wertvoll zu sein. Mehr noch: Sie scheint das Überleben auf dem Planeten Schule überhaupt zu garantieren. Nach dem Motto: Sei unabhängig und stark, zeig keine Schwäche, Verlass ist auf niemanden, vertraue dir selber, dann wirst du auch nicht enttäuscht. Auch in diesem Fall bleiben drängende Fragen weitgehend unbeantwortet. Denn weder mein Kollege und ich zusammen noch das Engagement einzelner ist ausreichend. Die Gruppe wäre der Schlüssel zu gültigen Antworten gewesen.

Galaktisch etwas durchgerüttelt aber unbeschädigt und mit neuen Erkenntnissen ausgerüstet ist die nächste Mission bereits in Vorbereitung. Wir schreiben das Sternjahr II15, Sternzeit A707. Weitere Logbuch Einträge folgen.

7 Kommentare zu „Der Seminarraum, unendliche Weiten“

  1. Sandra Genoni

    Genau diese und ähnliche “ver-rückte” Erfahrungen mache ich in meinem eigenen Führungsalltag. Sowohl im internationalen Kontakt (Japan lässt grüssen!) als auch in der Schweiz (manchmal sind die Leute aus Hintertupfikon genau so rätselhaft wie die KollegInnen in Fernost, aber das nur so nebenbei). Diese Erfahrungen machen mich bewusster, wie wenig ich davon ausgehen kann, dass ich und meine Gegenübers in ähnlichen “Welten” leben. Thanks für den coolen Blog, Herr Fischli!

  2. Silvia Erb

    Führungsfrau an “Lehrer”
    Wie mein Alltag zeigt, machen nicht nur “Lehrer” diese Erfahrung auf unbeantwortbare Fragen bitteschön eine Antwort zu haben. Das Gegenüber ist dann meist arg irritiert, wenn die Antwort ist,
    leider kann ich nicht weiterhelfen
    und ja
    auch als Führungsperson muss ich nicht auf jede Frage eine Antwort haben
    und nochmals ja
    ich lebe gut damit!
    Schön, wenn man dann in solchen Fällen den Einzelnen die Möglichkeit und den Mehrwert von Gruppen aufzeigen kann. Und noch schöner, wenn die Neugier und das Vertrauen auf Arbeit in “Gruppe” geweckt wird.
    Das ist ein Teil meines Jobs, den ich so sehr mag!
    Danke Claudius für deine galaktischen Seminar Impressionen

    Silvia

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Silvia
      Führungsfrau (und -mann) braucht aber schon ein wenig “Speuz”, um das so cool zu sagen “leider kann ich nicht weiterhelfen”. Woher nehmen und nicht stehlen? 🙂
      Herzlich-astrodynamische Grüsse, Claudius

  3. Helga Weule

    Lieber Claudius,
    Deine blogs sind sehr anregend – danke dafür.
    Es scheint tatsächlich so, dass jene Galaxie, in der mit-anderen-geteiltes Wissen MEHR und nicht WENIGER ist, weit weit weg liegt und noch gründlich in den Weiten gruppendynamischer Seminarräume erforscht werden muss. Daher: Piloten der Raumschiffe: lasst uns mehr teilen um mehr zu wissen!
    Herzlichst Helga

    1. Dr. Claudius Fischli

      Copy that, dear Commander Helga! Und hoffe, dass es in den Weiten da draussen mehr und mehr andere Raumschiff Besatzungen gibt, die sich austauschen und Wissen/Erfahrung teilen wollen, die in Kontakt treten und miteinander lernen!
      Herzliche Grüsse zurück durch die abendliche Herbstsonne nach Unterweinberg, Claudius

      1. Boder Esther

        Liebe Helga, lieber Claudius
        das gemeinsame Lernen im Hier und Jetzt scheint wirklich rar gesät zu sein… insbesondere die Räume für das “Gemeinsame”, in welchen ein Zusammentreffen der Raumschiffe (Piloten inkl. Besatzung) stattfinden kann… ohne dass diese Räume durch Strukturen/Systeme so starr und einengend sind, dass nur durch das gleichgzeitige finden eines Leck’s des Systems, ein Zusammenstossen, Austauschen, Entwickeln und Weitergeben überhaupt stattfinden kann… traurig… dabei wäre es doch einfach natürlich, dass wir beim Lernen einander begegnen, vertiefen, austauschen und Erfahrungen weitergeben, damit wir Wissen/Handlungen überhaupt verinnerlichen können und eben mehr als die einzelnen Teile entstehen kann…..
        Danke euch beiden fürs Erschaffen solcher Räume und das (wieder)sichtbar machen… fliege in Hoffnung weiter!
        Gruss
        Esther

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

Folgende HTML Tags und Attribute sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

CAPTCHA
Change the CAPTCHA codeSpeak the CAPTCHA code