Die Profiliga

Gruppendynamiker sind Profis in Unhöflichkeit. Wenn sie sagen: Das Training beginnt um 09.00, dann kann man die Atomuhr danach stellen. Und wenn jemand zu spät kommt, wird das zum Thema gemacht. Die Gründe mögen noch so schlagend sein („Das Handy hatte keinen Saft mehr“. „Die Kontaktlinsen sind mir in den Ausguss gefallen“. „Ich musste nur noch schnell ein Kätzchen aus misslicher Lage befreien“), Gruppendynamiker sagen nie einfach „Macht nichts!“. Weil sie nämlich finden, dass das sehr wohl etwas macht. Mit der Gruppe. Was genau, muss die Gruppe dann herausfinden. Eine Lösung zu präsentieren wäre vielleicht höflicher, aber Höflichkeit gehört bei Gruppendynamik nicht zur Job-Description.

Ein Blick auf die Konkurrenz ist nie schlecht. Und in Sachen „Unhöflichkeit“, das muss einmal klar gesagt werden, tut sich einiges!

Wie neulich im Rahmen dieses Beraterkongress, der Unpünktlichkeit erst gar keine Chance liess. Kurzerhand erinnerte er das ganze Hotelrestaurant an den Wiederbeginn der Arbeit mittels eines asiatischen Gongs. Der war so gewaltig, dass ein Eintrag ins Guiness-Buch mehr als fällig gewesen wäre – für die grösste Gruppe von Menschen mit Simultan-Tinnitus.

Oder vor ein paar Wochen jene Pilgergruppe. Deren besinnliche Ansprachen und vielstimmige Dankgesänge so eindringlich waren, dass sie den Teufel selbst zur Demut gebracht hätten. Geschweige denn eine kleine Schar von lernwilligen hungrigen Erwachsenen, die nur mehr per ungläubigem Blick oder SMS miteinander kommunizieren konnte.

Nach der Krone in dieser Disziplin jedoch greift das Pharma Unternehmen, das „Fürsorge“ und „Genesung“ auf seine Fahnen schreibt. Deren Marketingabteilung hat vor kurzem binnen Sekunden das Seminarhotel gekapert und dann die Schlange am Buffet neu organisiert. Alle, die nicht in die Genesungs-Firma gehörten, mussten sich hinten anstellen.

Da kann sogar ein Gruppendynamiker noch etwas lernen.

7 Kommentare zu „Die Profiliga“

  1. Lucia Zimmermann

    Liebe Claudius
    Ich orientiere mich bei der Weiterentwicklung meiner gruppendynamischen Unhöflichkeit gerne an den Stadtzürcher (und anderen) Bus- und Tramfahrern. Wenn die Türe zu ist, ist sie zu. Da gibt es dann nichts mehr zu erklären und mit den Folgen muss ich halt klarkommen.
    Die könnten allerdings von uns Gruppendynamikern noch lernen wie man herausfindet, was das mit der Gruppe macht.

    höfliche Grüsse
    Lucia

  2. Katharina Eberle

    Gruppendynamiker: Achtung!

    Der Begriff “Gruppe” hat es in sich, dass in irgend einer Form eine “Formierung” stattgefunden hat. Gleichzeitig passen so Individuen auch in Schubladen oder eben Gruppen – ob sie dies wollen oder nicht. Ich empfinde das Gruppieren von Individuen öfters auch als unhöflich (um den obigen Ausdruck zu übernehmen).

    Also: Achtsamkeit den Menschen, welche sich sich zur Gruppe der Gruppendynamiker zählen ;-).

    Ein sonniger Gruss einer Person, welche in Zürich arbeitet und im Raum Zürich lebt (eine Zürcherin ?…)
    Katharina

      1. Silvia Erb

        Lieber Claudius
        Lieber Bloger
        … und ich stelle mir jetzt gerade vor dieses Sparkragensystem im Feldversuch zu testen. Mit wie vielen ungläubigen Blicken wir da wohl konfrontiert würden? Oder gäbe es auch amüsierte Zuschauer die die Idee ganz genial fänden? Sicherlich nicht auf sich warten lassen würde jene, die unsere Dreistigkeit unverschämt fänden. Doch gäbe es wohl auch jene, die das alles ansprechen würden was wir da vollführen? Ich denke doch. Aber sicherlich eher in “stummer” Form im Sinne von sich sein Ding darüber denken, oder allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand unsere Unverschämtheit zu kommentieren.
        Hoch lebe da in meinen Augen die gruppendynamische Unhöflichkeit. Denn T-Gruppen Teilnehmer wissen doch, stumm lässt sich nichts verändern und entwickeln. Veränderung braucht eine Portion Unhöflichkeit.

  3. Ursa

    Ja, das ist halt so eine Sache mit der Un-Höflichkeit!
    Wir leben heute alle mit dem Resultat der heutigen Umgangsformen. Warum sollten wir die Grenzen der anderen respektieren, wenn das Überschreiten von bisherigen Standards heute folgenlos bleibt?
    Wer getraut sich, diese Rücksichtnahme einzufordern?
    Zivilcourage kann da ja zu unerfreulichen Nebenwirkungen und körperlichen/seelischen Schäden führen…
    Der Marketingabteilung des Gesundheitsunternehmens könnte zwecks „Fürsorge-Training“ ein Gruppendynamik-Seminar als Unhöflichkeits-Prophylaxe ans Herz gelegt werden.
    Wir würden wahrscheinlich alle profitieren.
    Und wer weiss: Vielleicht wirkt sich diese Achtsamkeitsübung sogar noch positiv auf die Teamkompetenz aus?
    Viel Erfolg dabei!
    Ursa

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Ursa
      Die beiden ganz Grossen (und sträflich vernachlässigten) der Sozialwissenschaften K. Lewin und J. Dewey sagen dazu: Jede Generation muss Demokratie neu lernen. Wir GruppendynamikerInnen bleiben dran – wann sehen wir uns in der nächsten T-Gruppe? 🙂

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