Diversity? Management?

Heute hat mir eine organisationstheoretisch ebenso interessierte wie versierte Kundin eröffnet, dass „Projekt“ ein veralteter Begriff sei. Beziehungsweise ein Indiz für eine gewisse fehlende mental-intellektuelle adaptability (sic!). Wer heute noch Projekte einrichte, gebe seine Agilität preis.

…Ähm… OK.

So sehr Agilität und anderen neueren Moden und Mödchen auch kritisch zu sehen sind, dass Diversity Management langsam von der Bildfläche verschwindet, das ist kein Verlust. Denn Diversity und Management ist wie Fische ersäufen: Geht nicht. Gibt’s nicht.

Mir ist schon klar, dass es jetzt Leser gibt, die finden, das sei, wieder einmal, viel zu krass ausgedrückt. Mag sein. Kann ich annehmen.

ABER: gestern hatte ich wieder einmal so ein Erlebnis, das eine starke Vermutungen zur ziemlichen Gewissheit macht. Und das kam so: Da war dieses Team. Bestehend aus Frauen und Männern aus der Türkei, aus Slowenien, aus Albanien, Deutschland, der Schweiz, Polen – und dem Niemandsland zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Gerade letztere Herkunft ist erwähnenswert. Denn wer würde bestreiten, dass diese Heimat einen Einfluss darauf hat, wer man ist und mit welchen Augen man auf und in die Welt schaut?

Nun, man kann nicht behaupten, dass diplomatische Zurückhaltung, geschliffene Formulierungen und wohltemperierte Einlassungen den Tag prägten. Nicht wirklich. In ehrlichen und kräftigen Worten wurde geschätzt und gelobt, gestritten und geklagt, konfrontiert und gemault – und auch wieder verziehen. Und was tat der Chef? Der „managte“ rein gar nichts. Er schmiss sich ins Getümmel, provozierte, steckte ein, hörte zu, schüttelte sich in Ablehnung und strahlte in Zustimmung. Kurz, er tat alles, was der Gott des Diversity Managements verboten hatte. (und was jeder anständige Führungstrainer jedem anständigen Teilnehmer in jedem anständigen Führungstraining austreiben würde), um zum Schluss des Workshops zu sagen:

„Wir haben die Spitze der Probleme angekratzt, es gibt noch sehr viel zu tun. Aber ich habe gesehen, dass hier niemand bösartig ist und dass alle konstruktiv waren, es gut mit einander und mit der Abteilung meinen. Ich bin stolz auf euch und auf uns – alle!“

Ähm. Hallo?

Die Menschen, den Job und auch sich selber mögen. Das scheint schon mal ein gutes Stück weit zu tragen. Wer will da noch Diversity „managen“.

6 Kommentare zu „Diversity? Management?“

  1. Ursa

    Lieber Claudius
    Mit so vielen neumodischen Begriffen gehen natürlich die zu erreichenden Ziele des Teams total unter.
    Womit sichern sie sich ihr künftiges Salair, welches sie für ihren eigenen Lebensunterhalt benötigen?
    Wissen die überhaupt was es zu erreichen gilt?
    Sind sie sich dessen überhaupt bewusst, was sie da tun?
    Wenigstens scheint es in dieser Gruppe friedlich zuzugehen.
    Ich hoffe, dass dieser Vorgesetzte, der Bösartigkeiten als fehlend kommentiert, seine “Vielfalt” nicht auf alternative Unternehmungen übertragen muss …
    So ein Wischiwaschi-Führungsstil verschafft IHM vielleicht Befriedigung, doch ob so Kunden angezogen – und behalten – werden testet wohl mehrheitlich seine eigene Anpassungsfähigkeit.

    Ein Hoch auf die “Agility” – egal mit welchen Nationalitäten!
    Ursa

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Ursa, “Wischiwaschi” habe ich das nicht empfunden – im Gegenteil. Das hat mich ja gerade verblüfft: Nämlich eine so “unverdorbene” Führungskraft am Werk zu sehen, wie sie zwar “handwerklich” nicht alles nach den Regeln der Kunst macht – aber mit ganzem Herzen dabei ist. Und so die Menschen, seine Mitarbeiterinnen erreicht. Und die Fremdwörter, die sind wieder ein eigenes Kapitel. Könnte man auch einen Blog schreiben wieder mal 🙂 🙂 Alles Liebe!

  2. Barbara Stucki

    lieber Claudius

    i chumä nid nachä! was willst du uns sagen? vieleicht bin ich zu wenig agil?

    liebe Grüsse
    Barbara

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Barbara
      Dank deiner Antwort weiss ich jetzt, was ich gesagt habe 🙂
      Was ich eigentlich sagen wollte: Es braucht etwas Herz und nicht so viel Management, um Unterschiede und Vielfalt zu Geltung und Wirkung zu bringen.
      Erhellender Versuch?
      Auf jeden Fall einen feinen Tag dir und ein schönes Sommerwochenende!
      Herzlich
      Claudius

  3. Esther

    Lieber Claudius
    auch mich hast du zum Studieren gebracht…. Googleanfrage über Diversity Management brachte mich ein wenig weiter 🙂 Habe dann meine Theorie zusammengespinnt, dass es wohl eher Leadershipkompetenzen braucht bei Vielfalt.
    Die Fachbegriffe mal auf der Seite gelassen, die Schlussaussage des Chefs hat mich berührt. Da ist für mich viel Leben drin und Mut sowie Lust in Kontakt zu gehen! Hm, das freut mich und dies nehme ich aus deinem Blog mit. Danke.
    Schöner Sommer! Esther

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Esther
      Ich habe das Garfield Prinzip (“Kannst du sie nicht überzeugen, verwirre sie”) nicht erfunden, aber offenbar erfolgreich angewendet. Sorry :-). Auch dir einen “grossen” Sommer, herzlich Claudius

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