Ein wunderbarer Ort

Dort liegen die Inseln von Brissago im glitzernden Lago Maggiore, vor Locarno leuchten unzählige weisse Segel, über mir der blaue Himmel, unter mir ein einziges Grün, ein Feigenbaum, Palmen, mächtige Kastanien, Urwald. Die Teilnehmerinnen des Workshops sind unterwegs auf einem Spaziergang. Sie tauschen sich zu den Themen und Eindrücken des Tages aus.

Die Teilnehmerinnen? Themen? Ja, ich bin zum Arbeiten hier. Echt. Ohne Witz jetzt.

Jede «normale» Bildungsmassnahme heute sichert sich ab. Mit Zielen, Erfolgsaussichten, erwartbarem Zuwachs an Irgendwas, Wandel, «Change», Innovation, Strategie. Mit Versprechen in eine Zukunft hinein halt. Unter welchem Namen auch immer. Der Zwang zur Legitimation von Lernen durchdringt die Angebote. Und die Branche antwortet nur allzu gerne, verspricht brav die erwünschten Effekte, belegt diese mit unzähligen, teils unsäglichen, Evaluationen, hofft auf das nächste Geschäft auf der Basis dieser auf Perfektion getrimmten Angstabwehr.

Hier aber, an diesem wie aus der Zeit gefallenen Ort, hier ist alles anders. Hier besteht das Angebot lediglich darin Zeit zu haben. Raum zu erhalten. Gemeinsam in Ruhe nachzudenken. Sich auszutauschen. In Kontakt zu kommen. Zuzuhören. Sich selber klarer zu werden. Auf eigene Gedanken zu kommen.

Dieser Ort, dieser Anlass erinnern an damals. An früher. Als der Besuch einer spätkarolingischen Kirche mühelos vereinbar war mit einem seriösen Management Seminar. So wie der Abend mit Führungskräften in einem botanischen Garten. Oder die Schlittenfahrt ins tief verschneite Fex Tal. Damals. Bin ich alt geworden? Zu alt für diese Zeit?

Die Teilnehmerinnen kommen zurück. Sie wirken lebhaft und immer noch unternehmungslustig, freuen sich auf das Abendessen, das gute Gespräche verspricht am langen Tisch im Garten. Das Gemüse auf dem Grill duftet, Rosmarin ist in der Luft. Die Gläser sind beschlagen vom kühlen Weisswein.

Ganz im Hier zu sein und gleichzeitig in einer vergangenen Zeit…

Was für ein wunderbarer Ort.

6 Kommentare zu „Ein wunderbarer Ort“

  1. Boder Esther

    Lieber Claudius
    zum Glück gibt es noch solche Menschen wie dich (-: Die solche wunderbaren Orte einrichten zum Sein im Hier und Jetzt um gemeinsam zu lernen und neue Theorien zu entwickeln. Momente die Geist, Körper und Seele bereichern und stärken….. und das Leben wunderbar ist.
    Zu alt? Zu jung? Zu Frau? Zu alternativ? Zu …… Irgendwo sind wir doch immer irgendwie zu, oder nicht? Doch wenn es von Innen heraus strahlt, wird dies doch einfach egal, das zu … löst sich auf. Also bei mir ist das so (-;
    Danke dir!
    Gruss
    Esther

  2. Samuel

    Hoi Claudius

    Danke… Das Sein im hier und jetzt hat mich berührt. Schon erstaunlich wie viel Leben(s) (qualität) wir vergeuden. Leider aber sind wir auch Gefangene unseres Systems geworden. Ausbrechen? Ist da denn überhaupt möglich? Fragen die mich mit dem Älter werden immer mehr beschäftigen. Wer weiss, vielleicht haben wir wieder einmal etwas Zeit, uns zu unterhalten.

    E gueti Zyt, herzlich Samuel

  3. Hannah Nora Egli

    Lieber Claudius

    aus einer anderen Zeit? Oder gerade diese andere Zeit, dieses Sein im Jetzt in der heutigen Zeit möglich und erfahrbar machen. Und dies nicht nur im Privaten, sondern gerade dort im Arbeitsalltag wo dieser Qualität das Aussterben droht. Mit-Mensch-Sein gerade jetzt, gerade da wo jemand an seine Grenzen stösst und diesen Moment Zeit finden zum hören, zum wahrnehmen was ist, im ganzen Reichtum, im Unerwarteten. Danke für alle Impulse, die du da immer wieder weiter gibst!

    Herzliche Grüsse
    Hannah

  4. Magdalena

    Hier und Jetzt – Der Ausdruck scheint etwas abgegriffen. Und doch, die Seele bewegt sich zwischen dem Vergangenen und dem Kommenden eben im Hier und Jetzt. In diesem Moment sehe, höre, spüre und fühle ich genau das, was hier und jetzt ist.Sehr unterschiedlich empfinden verschiedene Menschen den gleichem Moment. Geprägt von der Vergangenheit und dem Drängen in die Zukunft, fällt es oft genug schwer einfach das, was gerade ist, auszukosten, intensiv zu leben, zu erleben. Intensiv Gelebtes wirkt nach, prägt mich und meine Gedanken für die Zukunft. Ich kann mich steuern, ich kann andere führen zu Momenten, die erfüllen und bereichern. Zu Momenten, welche das Hier und Jetzt lebenswert machen, mit Sinn erfüllen, weil ich sie mit allen Sinnen erlebe. Ich erlebe das Grün der Palmen, Kastanien- und Feigenbäume als erfüllend. In der Zukunft suche ich diese Erfüllung wieder zu beleben. es drängt mich andere an dem teilhaben zu lassen. Ich plane in die Zukunft, für mich, für andere. Genau in diesem Moment, erfüllt von Vergangenem und dem Drang das intensiv Erlebte zu teilen, steure ich in die Zukunft und erlebe mich sehr lebendig und wirksam im Hier und Jetzt und für ein sprudelndes Miteinander.

    Danke für die gedanklichen Anregungen!

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