Eine wunderbare Erprobung deiner Stärke

5 Minuten mit… Friederikos Kariotis

Ich bin 1976 als Sohn deutscher/griechischer Eltern auf Rhodos geboren. Bei unserer Rückkehr nach Deutschland Anfang der 80er Jahre galten wir als „Ausländer“ und haben in einem klassischen Wohnviertel in einer Kleinstadt zwischen Bielefeld und Dortmund gelebt. Als „halb Deutsche, halb Griechen“ bin ich zusammen mit türkischen und italienischen Immigranten aufgewachsen. Es waren keine einfachen Zeiten. Aber mein großer Bruder hat auf mich geschaut, ich habe auf meine kleine Schwester geschaut und meine Mutter hat als Alleinerziehende Tag und Nacht gearbeitet. Wir haben uns ganz gut durchgeschlagen, muss ich sagen, und meine Mutter hat das sehr gut hinbekommen.

Geld war immer ein Thema. Ich werde nie vergessen, was mein Bruder sagte, als ich mir einmal eine Markenjeans für 120 D-Mark wünschte: „Schau, im Woolworth gibt’s Jeans für 20 Mark – den Rest musst du dir selber verdienen. So ist es halt, mehr können wir uns nicht leisten“. So fing das an mit dem Arbeiten und seit ich 13 bin habe ich immer gearbeitet. Zuerst auf dem Bau und in vielen verschiedenen Jobs, neben der Schule.

Da ich anfangs nur Griechisch und kein Deutsch konnte, bin ich nach der Grundschule auf der Hauptschule gelandet. Die Hauptschule selbst war dann aber kein Problem und ich habe sie mit einem Einserschnitt und dem Realschulabschluss beendet. Was ich allerdings nie lernte, ist, wie man lernt. Prompt scheiterte ich zunächst im Gymnasium und besuchte die 11. Klasse insgesamt drei Mal auf verschiedenen Schulen! Dahinter lagen klassische Pubertätsphänomene: Ich hatte gedacht, auch das Gymnasium wird kein Problem. Aber ich kam nicht mit. Und aus Frust bin ich irgendwann nicht mehr hingegangen. Beim zweiten Anlauf hat es wieder nicht geklappt und ich dachte, ich lass das mit der Schule sein und gehe arbeiten. Nach einem halben Jahr in der Kautschukabmischerei eines Gummierungswerks fand ich dann doch, dass die Schule etwas Tolles ist und ging wieder zur Schule. Allerdings nicht aufs Gymnasium, sondern in eine höhere Handelsschule mit dem Ziel Fachabitur. Noch ein halbes Jahr lang war mein Taschentuch beim Naseputzen schwarz vor lauter Chemikalien und Pulver in meiner Nase!

Neben den Pubertätsproblemen hatte ich zu dieser Zeit auch starke körperliche Probleme. Ich war damals sehr übergewichtig, mit einem Spitzengewicht von 160 Kilogramm. Nach der Handelsschule entschloss ich mich, eine Lehre zu beginnen, denn einer Arbeiterfamilie entstammend hatte ich mir zu jenem Zeitpunkt nichts „Größeres“ vorstellen können.

In der Lehre bei einem Grosshandelsbetrieb herrschte ein sehr rauer Umgangston. Ich war also ziemlich „breit“ und hatte ein mindestens ebenso breites Ego, gewisse Schwierigkeiten mit Autorität und ein Problem mit Hänseleien à la „Schick den dicken Griechen ins Lager“. In meiner damals stark ausgeprägten impulsiven Art, habe ich mir das nicht gefallen lassen. Was dem Chef seinerseits nicht gefallen hat. Dementsprechend war das nur ein sehr kurzer Ausflug. Enge Freunde von mir wissen, dass das aber einer der Schlüsselmomente in meinem Leben war. Denn zwei Dinge sind danach passiert. Erstens wusste ich, dass ich studieren wollte. Ich konnte mir also „Grösseres“ vorstellen. Und zweitens: ich wollte abnehmen. Da war ich 18 Jahre alt. Ich machte ein einjähriges Praktikum, lebte mit meiner ersten Freundin zusammen, arbeitete nebenher an der Tankstelle, verdiente so meinen Unterhalt selber und nahm in neun Monaten 80 Kilogramm ab.

Das war ein neues Leben. Ich merkte: wenn ich mich auf mich verlasse und mir etwas zutraue, dann ist viel möglich. Das waren wirklich Schlüsseljahre. Ich habe das Jahrespraktikum beendet, Wirtschaft studiert, die Studentenzeit genossen und doch 35 Stunden pro Woche neben dem Studium gearbeitet. Als Softwaretester zum Beispiel, als Drucker bei der Bertelsmann Group oder als Apfel verkleidet, der in Supermärkten Schorle verteilt. Einfach alles, womit man Geld verdienen konnte. Im Studium mit Schwerpunkt Marketing und Wirtschaftsrecht habe ich viel gelernt – aber so richtig geprägt haben mich die Jobs, die ich nebenher gemacht habe.

Egal, was ich gemacht habe, ich habe es mit sehr viel Leidenschaft gemacht und sagte mir immer: „OK, du hast eine Verantwortung übernommen, du musst der nachkommen und du musst das gut machen. Und vielleicht machst du es noch ein bisschen besser als die anderen. Und vielleicht fällt dir ja noch etwas ein, wie man es besser machen könnte“. Diese drei Punkte haben sich durch meine berufliche Laufbahn durchgezogen.

Schon vor Ende des Studiums habe ich als Assistent am Lehrstuhl gearbeitet und kam nach dem Studienabschluss über das Thema e-learning erstmals in Kontakt mit der Personalwelt. Dass es da um Zahlen und Menschen ging, diese Kombination, das hat mich wahnsinnig interessiert. Ohne eine Ahnung zu haben bewarb ich mich tatsächlich als Personalleiter in einem Konsumgüterunternehmen. Beim Einstellungsgespräch fragte mich der Geschäftsführer: „Warum tragen Sie eigentlich keine Krawatte?“. Ich schaute ihn an und antwortete „Warum tragen SIE eigentlich keine Krawatte?“ …“Sie haben den Job“ meinte der Geschäftsführer und das war mein Einstieg in eine total verrückte und interessante Welt.

Nach ziemlich anstrengenden, aber auch erfolgreichen Jahren als Führungskraft stand ich doch irgendwann an einem Scheideweg. Ich wollte raus aus dem Handel und rein in die Technologie, ich wollte Personalarbeit machen und kein Chef mehr sein. Ich schrieb also Bewerbungen und eine ging an die Firma Frequentis vor jetzt gut 11 Jahren. Am Tag vor dem Interview bekam ich ein email von einer Kollegin, die jetzt meine Mitarbeiterin ist. Sie schrieb mir, dass der Termin leider abgesagt werden muss. Ich antwortete, dass ich den Flug gebucht hätte, trotzdem komme, mich in die Lobby setzt und warte, bis einer Zeit hat.

Ich war am Tag danach wirklich in der Frequentis Lobby und wartete. Drei Stunden sass ich da und dachte: „Die beobachten mich bestimmt, ob ich nicht doch gehe“. Dann holte mich meine zukünftige Vorgesetzte ab und es wurde mir schnell klar, dass Frequentis eine Firma mit Pioniergeist ist, die schon viel erreicht hat, aber noch nicht alles, dass die etwas wollen, dass sie Leute wollen, die anpacken. Ich fand interessant, dass diese Firma das Leben sicherer macht, Flugsicherung, Public Safety etc. Es war von der ersten Sekunde an um mich geschehen, ich habe den Vertrag unterschrieben und bin als Business Partner eingestiegen.

Das mit dem Nicht-Chef-Sein hat zwei Jahre gedauert. Nach einer Zeit als head of operations, übernahm ich die Gesamtverantwortung für HR mit dem Auftrag, aus HR eine globale Organisation zu machen. Gerade zu Beginn war mir wichtig, in diesem System klare Rollen zu etablieren, die zwar auf Augenhöhe operieren, aber doch unterschiedliche Aufgaben und Verantwortungen übernehmen. Das hat, glaube ich, gut funktioniert und da bin ich stolz drauf.

Woran ich merke, dass das funktioniert? Augenhöhe hat viel mit Offenheit zu tun… es fühlt sich zwar nicht immer gut an, wenn mich meine KollegInnen mit Ihrer Offenheit, die ich immer predige, konfrontieren und auch kritisieren. Aber ich schätze es sehr. Da kann Führungsarbeit zwar  anstrengend werden, doch dann habe ich die Dinge auf dem Tisch, dann kann ich sie eher steuern und gemeinsam mit dem Team an Lösungen arbeiten, die mitgetragen werden. Offenheit heisst eben nicht, sich zu lieben, sondern dass die Leute mir auch wirklich die Meinung sagen!

Einer meiner grössten Lernschritte als Führungskraft war, mit meinen eigenen Schwächen transparent umzugehen. Klar, das kostet am Anfang etwas Mut, weil man über seinen Schatten springen muss und angreifbar wird. Aber es lohnt sich so sehr, es kommt so viel zurück! Klar gibt es Führungstheorien, die empfehlen, ja keine Schwäche zu zeigen. Meine Haltung ist: nein, das ist eine wunderbare Erprobung deiner Stärke. Begleitet vom Gedanken „Mir kann nichts passieren“.

Ich bin, wer ich bin. Und würde das nicht zum gewünschten Erfolg führen, dann wäre es nicht mehr der richtige Job für mich. Ich lebe nicht auf besonders grossem Fuss. Darum erlaube ich mir auch, zu sagen „Wenn das nicht mehr der Job ist, dann ist er es halt nicht mehr“. Diese Freiheit war und ist mir total wichtig und gibt ein Gefühl von Freiheit

Führungsarbeit hat inhaltliche, fachliche Aspekte, ganz klar. Aber um eine gute Führungskraft zu sein, musst man meiner Meinung nach bereit sein, 20%-30% draufzulegen und diese Zeit in die Mitarbeiter zu investieren. Sonst geht sich das nicht aus. Und bei allen Aufgaben und der Dynamik in der heutigen Arbeitswelt, gibt es für mich klare Fixpunkte in der Woche: Die Gespräche mit meinen Mitarbeitern. Da gibt es keine Ausrede. Dann bleibe ich halt abends länger oder komme morgens früher rein! Ich habe gelernt: wenn man auch nur ein bisschen „auslässt“, gefährdet das das ganze Konstrukt.

Regelmässiger Austausch, stabiler Kontakt, die Bereitschaft, mehr von sich herzugeben, als man vielleicht zu Beginn zurückbekommt sind Erfolgskriterien für erfolgreiche Führung. Du musst investieren. Und das ist der anstrengende Teil. Du musst Durststrecken aushalten können!

Zukünftig wird Führungsarbeit aus meiner Sicht noch anspruchsvoller. Wir haben die neuen Generationen, mit denen wir uns arrangieren müssen und wir haben es mit ein Arbeitsmarkt zu tun, der durch die Arbeitnehmer und Top Experten dominiert wird.

Ich selbst hatte am Anfang auch meiner Probleme z.B. mit der Generationsthematik. Da war diese junge Mitarbeiterin, eine typische generation y Recruiterin. Die war jeden zweiten Tag bei mir und hat gesagt, was alles nicht gut ist. Beinhart. Zu Beginn war ich geschockt und ehrlicherweise auch ein wenig genervt, aber dann sagte ich mir, dass diese Offenheit ein wertvolles Geschenk ist und ein wirkliches Kompliment. Darum sagte ich mir: „Ich höre ihr zu“.

Ich hörte zu und ich lernte. Ich habe einige Ideen erfolgreich umgesetzt, was wiederum dazu führte, dass meine Mitarbeiterin begann, mir zu vertrauen. Ich habe ihr Potential erkannt, den Mut gehabt, Ihr auch mit jungen Jahren eine verantwortungsvolle Funktion zu übertragen und bin sehr glücklich über diese Entscheidung. Heute hat sie sich toll weiterentwickelt, ist eine grandiose Business Partnerin und wir lernen noch immer voneinander.

Ich traue zu, ich beobachte, ich bin das back up, ich probiere aus, lass scheitern, lass kriseln und lebe halt mit dem Risiko, dass es mal schiefgeht. Wenn es schief geht, bin ich da und man findet eine Lösung für das Problem. Führung kann so spannend sein aber man sollte auf keinen Fall risikoavers sein.

Die Energie für das alles kriege ich ganz stark durch meine Familie, die Kollegen und durch meine MA. Sie sind die wirklichen Energiespender – und das sage ich ihnen auch. Die Gespräche, die Unterstützung, diese wahnsinnige Intelligenz meines Teams gibt mir sehr viel.

Je älter ich werde und je mehr Erfahrung ich habe, desto mehr glaube ich, dass das Führungsverständnis, wie es in vielen Unternehmen noch gelebt wird, nicht mehr ausreichen wird, um die Komplexität der Wirtschaft und der Welt zu bewerkstelligen. Gerade in klassischen westlichen Unternehmen heisst Führung immer noch „Hierarchie und Managen von Funktionen und Ressourcen“. Nicht aber „Führen von Individuen und Persönlichkeiten“. Natürlich ist ein Unternehmen kein Sozialverein. Aber die Vermischung zwischen privater und Berufswelt wird immer stärker und aus unternehmerischer Perspektive ist klar, dass die Mitarbeiter die wertvollsten Erfolgsfaktoren sind.

Unsere Mitarbeiter sollen das Unternehmen verstehen und dementsprechend werden wir auch immer mehr damit konfrontiert sein, dass wir unsere Mitarbeiter verstehen müssen. Führung wird immer individueller werden müssen, wenn wir gemeinsam und nachhaltig erfolgreich bleiben wollen. Das klingt vielleicht alles sehr herausfordernd und „ernst“… Aber ich freue mich auf diese Herausforderungen und werde mich dabei nie selbst zu wichtig nehmen. Auch werde ich nie außer Acht lassen, dass Arbeit und auch Führungsarbeit Spaß machen soll: Humor und ein herzliches Lachen darf in unserer Welt nicht zu kurz kommen.

4 Kommentare zu „Eine wunderbare Erprobung deiner Stärke“

  1. Sandra Mühlhauser

    Das Interview hat mich sehr berührt! Ein Leben, das unter schwierigen Bedingungen gestartet ist und ein Mensch, der soviel daraus gemacht und soviel daraus gelernt hat.
    Und wenn alle Führungskräfte so führen würden, dann wäre die Welt ein besserer Ort!

  2. Tania Hoesli

    Vielen DANK für diese wunderbaren 5 Minuten mit Friederikos Kariotis! Ja, Offenheit ist definitiv ein wertvolles Geschenk und ein wirkliches Kompliment – so bin ich sehr dankbar, habe ich mir Zeit für die Lektüre genommen!

  3. Karin Fischli

    was für eine unglaublich schöne , spannende und motivierende Geschichte, die das Leben wirklich schrieb!
    Ich bin begeistert ! schön zu lesen und mit einem Lächeln gehe ich nun meinen Tag an… Danke

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