Entscheidung am Piz Palü

Bergsteigen beinhaltet viele Entscheidungen: Welche Route gewählt wird, die Beurteilung der Wetterlage, die Geschwindigkeit des Aufstiegs, Kriterien des Abbruchs etc. Seilschaften leisten diese Entscheidungen ganz unterschiedlich – hauptsächlich jedoch entlang von zwei Paradigmen der Entscheidung: Hierarchische Einzelentscheidung – gemeinschaftliche Teamentscheidung.

Die Daten aus über 100 Jahren Geschichte des Bergsteigens* zeigen: Hierarchie bringt’s! Bergsteiger Gruppen aus hierarchisch geprägten Kulturen schaffen signifikant mehr Berge. Sie sind Spitze unter anderem, weil sie grössere Risiken eingehen als Gruppen aus eher egalitären Kulturen.

Die gleichen Gruppen, also zusammengesetzt aus eher hierarchisch sozialisierten Menschen, sind aber gleich nochmals oben auf einer Rangliste zu finden. Bei den tödlichen Unfällen.

Aus diesen Ergebnissen messerschaft ein „Entweder Risiko und Erfolg“ oder „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ zu machen scheint logisch. Und wäre doch vorschnell, weil es den zweiten Blick für vielleicht interessante Dinge verstellen würde.

Denn entscheidend ist die Definition von Erfolg. Wenn ausschliesslich die Besteigung des Berges zählt, dann kann sich nicht beschweren, wer von einem auf den anderen Moment bei Petrus an der Himmelspforte steht. Wer die Definition von Zielerreichung und damit Erfolg jedoch auf eine breitere Basis stellt, ermöglicht ein differenzierteres Instrumentarium von Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten. Und erblickt unter Umständen nicht den Piz Bernina vom Gipfel des Piz Palü hinüber. Aber doch und immerhin den nächsten Sonnenaufgang.

Teamarbeit muss nicht immer erst starten, wenn die Ziele bekannt sind. Gerade die Zielsetzung ist unter Umständen ein lohnender Teameffort, der das Ganze viel weiter trägt als Diskussionen und Abgleich post hoc. Gerade in sehr unsicherem Gelände – vulgo sehr komplexen Entscheidungen – bewirkt eine solide gemeinsame Zielfindung ein potenziell stärkeres Commitment, das bei Schwierigkeiten in der Implementierung hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Oder aber den Abbruch des Unterfangens zu ermöglichen, ohne unvertretbare Kosten zu riskieren.

Wie viele Projekte werden nicht beendet, weil ein Abbruch einem Misserfolg gleichkäme?

Hier könnte Teamarbeit von Anfang an sehr hilfreich sein.

*Proceedings of the National Academy of Sciences (USA)

2 Kommentare zu „Entscheidung am Piz Palü“

  1. Ursa

    Um Misserfolge zu meiden, werden Projekte unvollendet gestapelt? Was für eine traurige Sichtweise. Und welche Verschwendung von Ressourcen!

    Der Aufruf, bereits die Zieldefinition im Team zu gestalten ist ein toller Ansatz. Schliesslich ist ja der Erfahrungsgewinn der Teammitglieder wie ein 6er im Lotto. Multiplikation von Wissen das eingebracht wird, wirkt sich in der Umsetzung äusserst positiv auf das Resultat aus.

    Ob es nun weder Palü noch Bernina, sondern der Sonnenaufgang ist – eine Entscheidung, die dank gemeinsamer Wissensvermehrung von allen getragen wird, lässt die Zuversicht in künftige gute Ergebnisse bestehen. Zudem können alle ihr Gesicht wahren, weil es auf diese Weise nur Sieger gibt. Ressourcen-Verschwendung!?!
    Engagement für gemeinsame gute Lösungen wirkt nachhaltiger und reduziert die Verliereranzahl – wahre Champions!

  2. Daniela

    Sehr cooler Beitrag, danke. Ein Projekt abzubrechen ist eine sehr heikle Sache, weil meistens Gesichtsverlust auf verschiedenen hierarchischen Ebenen gleichzeitig droht. Wenn man sich aber gemeinsam entscheidet, den drastisch erscheinenden Weg eines Abbruchs durchzuziehen, entsteht bei den Beteiligten ein echtes Teamgefühl. Weil man sich gemeinsam entschieden hat, ein aussichtsloses oder “gefährliches” Unternehmen aufzugeben, weil man sich den Ängsten stellt, weil man gemeinsam abwägt, weil man wieder schlafen kann. So gibt es am Schluss keine Verlierer, keinen Pranger für die Versager, sondern ein Zeichen, dass man die gemeinsame Verantwortung für das Ganze wahrgenommen hat. So habe ich das zumindest schon erlebt.
    Abbrechen ermöglicht einen Neuanfang, nochmals mit demselben Ziel oder mit neuen Zielen.
    Was nun nicht heisst, dass man abbrechen soll, wenn es schwierig wird … aber es heisst, gerade in solchen Situationen kann das Team sehr viel leisten, für die Beteiligten aller Hierarchieebenen.

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