Gastblog: Führen als Begegnungsgestaltung

Von Hannah Egli*

Führen als Verwalten von Sachen, von Abläufen, von Output, von Zahlen, die stimmen müssen? Gute Leistung, die durch sogenannte sachlich-zielorientierte Führung erreicht wird?

Je länger umso mehr beschäftigt mich die «andere Seite» der Führung: Wie ist es möglich die Arbeitszeit als Lebenszeit von Menschen, als sinnvolles Kommunikationsgefäss zu gestalten und gleichzeitig die erforderlichen Leistungs-Notwendigkeiten nicht aus dem Auge zu verlieren? Wie kann ich die zwischenmenschlichen Werte, den gemeinsamen Sinn der Arbeitstätigkeit in mein Führungsverhalten integrieren? Wie kann ich vorhandene, eng bemessene Zeit-Gefässe so gestalten, dass die zwischenmenschlichen Begegnungen zum Ausgangspunkt für inhaltlich sinnvolle Lösungen werden?

Meine Antwort: Die Reihenfolge umdrehen! Zuerst den gemeinsamen Werten und den menschlichen Befürchtungen Raum geben und sich dann den Sachinhalten zuwenden.

Die Fragen „Welche Werte sind uns wichtig in der Umsetzung dieser Angelegenheit?“ und „Was löst Sorgen und Bedenken aus?“ an den Anfang zu stellen verändert die Teamsituation und die nachfolgenden Entscheide grundlegend. Wenn das Hinhören auf die Werte und Bedenken des Anderen am Anfang stehen, dann sehen sich die beteiligten Menschen an. Sie beginnen gemeinsamen Raum zu schaffen, ihn miteinander zu teilen, gegenseitig an der Gestaltung teilzunehmen. Wenn diese Augen- und Ohr-Fäden geknüpft sind, dann ist der Weg frei für Sachlösungen, kreative Neuschöpfungen im angrenzenden Möglichen. Die gemeinsame Verbindung im Sinnhaften beginnt zu tragen und kann jederzeit verändert und erweitert werden. Blicke und Gesten werden zum verbindenden Element und nicht mehr zur trennenden Macht- oder Ich-Demonstration. Die beteiligten Menschen werden offen für fremde Denkwege und Vorstellungen. Abweichende und widersprüchliche Ideen erhalten Platz und können zunehmend einbezogen werden.

„Nur“ die umgekehrte Reihenfolge – Mensch (Werte, Befürchtungen) vor Sache (Zahlen, Leistungsvorgaben, Sach-Ziele) – und der Verlauf der Situation entwickelt sich entscheidend anders!

*Hannah Nora Egli ist langjährige Führungskraft der Stiftung RgZ und Leiterin der Frühberatungs- und Therapiestelle für Kinder in Dietikon, Schweiz.

2 Kommentare zu „Gastblog: Führen als Begegnungsgestaltung“

  1. Boder Esther

    wow, sehr treffend geschrieben….. kann dem nur zustimmen! Braucht zwar manchmal ein wenig Mut und einen gestärkten Rücken…. insbesondere bei Kommentaren wie “Mein Mitarbeiter xy kann nicht an der Sitzung teilnehmen, der ist am Arbeiten!” (:
    Gruss und bis bald
    Esther

  2. Irene Jucker

    Bin auch einverstanden, nur würde ich lieber zuerst fragen: Was löst Freude aus, was gibt mir an dieser Aufgabe Energie? Was können wir Positives damit bewirken? (Anstelle von Sorgen und Bedenken).

    Ich merke eben, dass Ressourcen orientiertes Arbeiten mein Team enorm beflügelt – die Bedenken kommen eh’ von allein…

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