Glas ist nicht Metall

Manchmal ergeben sich interessante Erkenntnisse, wenn man sie wirklich nicht erwartet. An einem Kindergeburtstag habe ich kürzlich erfahren, dass Glas nicht Metall ist. Beziehungsweise wie ein traditionsreiches Unternehmen in die Bedeutungslosigkeit geführt werden kann. Und wie beides mit einem Missverständnis zusammenhängt.

Es geht um ein Traditionsunternehmen in der Glasverarbeitung. Diesem wurde von den Eigentümern zum Zweck der nachhaltigen Zukunftssicherung eine neue Geschäftsführung verpasst – selbstverständlich unter Beizug der besten Headhunter, die es für teures Geld gibt. Diese handverlesene Truppe von ausgezeichneten Ingenieuren mit unbestrittenem Leistungsausweis in der Metallbranche machte sich zügig daran, die Tradition der technischen Innovation dieses Unternehmens wieder aufzunehmen. Dazu bauten sie den Betrieb radikal um – selbstverständlich unter tatkräftiger Mithilfe von dynamischen Beratern einer grossen Beratungsfirma.

Langjährige Mitarbeiter geben wiederholt zu bedenken, dass Glas nicht Metall ist und meinten damit, dass jeder Werkstoff seine Eigenheit hat, die es zu beachten gilt – auf der materiellen wie der personellen Ebene. Die neuen Chefs werteten diese Warnrufe als „Veränderungsblockaden“ und gingen unbeirrt den eingeschlagenen Weg. Leider zeichnet sich ab, dass das Unternehmen die gesteckten Ziele nicht erreichen und bald Kurzarbeit anmelden wird.

Worin besteht das Missverständnis? Natürlich kennt die Geschäftsleitung den Unterschied zwischen Glas und Metall. Natürlich wissen die Ingenieure in der Geschäftsleitung um die Besonderheiten des Werkstoffs. Es sind alles hochintelligente Leute, die sich extrem schnell in neue Materie einarbeiten können. Das Problem ist jedoch kein intellektuelles. Das Missverständnis besteht darin, dass die Geschäftsleiter überzeugt sind, das Unternehmen gleichzeitig führen, es in den Grundzügen verändern und dabei im Kern ihrer Identität „Metaller“ bleiben zu können. Der Irrtum in diesem Fall besteht in der Annahme, dass der Wandel gelingen wird, ohne sich wenigstens ansatzweise mit der Kultur der Glasverarbeitung „anzustecken“.

Tiefgreifende Veränderung heisst immer, sich mit etwas „Neuem“, „Anderen“, Unbekannten“ etc. zu infizieren und noch nicht sicher zu wissen, was es mit einem wirklich anstellen wird. Diese Zumutung von Veränderung ist schwer auszuhalten. Und doch führt kein Weg an dieser Unsicherheit vorbei. Hier ist Teamarbeit in der Praxis des „Navigierens im Unbekannten“ gefordert, die Königsdisziplin von Leadership

2 Kommentare zu „Glas ist nicht Metall“

  1. Aeschbacher Jürg

    Guten Tag Herr Fischli

    Ihr Interview im “der Bund” habe ich mehrmals gelesen und lange darüber nachgedacht. Sehr speziell fand ich Ihren Satz “Irgendwann hielten wir uns gegenseitig nicht mehr aus”. Da ist viel Weisheit darin enthalten!

    Ebenso Ihre Aussage: “Dann bleibt nichts anderes übrig, als die Zukunft neu zu erfinden”. Persönlich bin ich dabei, meine (berufliche) Zukunft neu zu erfinden. Mit 50+ keine einfache Angelegenheit. Es ist deprimierend, dass Berufs- und Lebenserfahrung heute offenbar keinen Stellenwert mehr haben.

    Ich habe übrigens lange auf der Glasbranche gearbeitet… So fand ich Ihren Text zu Metall – Glas spannend.

    Ihnen eine gute Zeit und beste Grüsse aus Bern

  2. Ursa

    Lieber Claudius

    Du hast Recht – Metall und Glas sind zwei sehr verschiedene Sachen.

    Leider haben die bisherigen die Eigentümer der Glasfabrik es unterlassen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen und ihren Gefühlen zu trauen. Sie wussten ja um die Besonderheit von Glas. Das Geheimnis, das in dieser Materie steckt. Der Zauber wenn dieser so zerbrechliche und gleichzeit derart stabile Werkstoff als Gebrauchsfertiges Produkt die Fabrikation verlässt. Auf Metall kann man einhauen, es stanzen, ziehen, biegen, zerren usw., und wenn es sein muss, auch mit mehr oder weniger Gewalt.

    Glas ist wie die menschliche Seele. Es braucht Liebe, wenn es sich in ein wunderbares Erzeugnis verwandeln soll. Viele kleine Streicheleinheiten sind nötig, wenn es den Widrigkeiten des Alltag standhalten soll. Dazu braucht es Kreativität und Fantasie. Diese Seele des Glases wurde offenbar “vergessen”.

    Was ist so attraktiv an teuren Headhuntern die Titel und imposante Diplome schätzen und ganz vergessen, dass Hingabe an einen fragilen Stoff in diesem Fall die tatsächlich gesuchte Eigenschaft des künftigen Kadermannes wären. Um über derartige Versäumnisse hinwegzutäuschen, wurden noch die Dienste von kostspieligen Berater in Anspruch genonnem. Wahrscheinlich wurden einfach Zahlen angeschaut. Gefühle wie Liebe und Sensibilität für den heiklen Grundstoff haben da wenig Platz und können sowieso schlecht gemessen werden.

    Leider werden vermutlich bald Menschen gezwungen, sich in einem schwierigen Arbeitsmarkt, nach neuen Arbeitsstellen umzuschauen. Warum? Sie hatten den Fehler Chefs zu haben die das Selber-Denken ausgeschaltet und ihre Verantwortung gegenüber dem Betrieb an externe “Profis” delegiert haben. Ob sich diese Vorgesetzten wenigsten in ruhigen Momenten ab und zu etwas schämen?

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

Folgende HTML Tags und Attribute sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

CAPTCHA
Change the CAPTCHA codeSpeak the CAPTCHA code