Happy Birthday Gruppendynamik

Vor nicht allzu langer Zeit endete das jährliche World Economic Forum unter dem Motto „Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ in Davos. Während die letzten Stacheldrahtrollen und Absperrungen gerade in den Armeedepots eingelagert werden, beschäftigt mich dieses Motto immer noch.

„Neugestaltung der Welt“ erinnert an die Bestrebung, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angetreten war, etwas in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und damit in der Welt zum Guten zu verändern. 1947 hatten Mitarbeiter von Kurt Lewin zufällig ein Verfahren entdeckt, das sie als Versuch verstanden „im Geiste der Wissenschaft und der Demokratie die gesellschaftliche Praxis zu verbessern“: Die Gruppendynamik.

Lewin war zeitlebens Psychologe und Philosoph und in beidem Ernst Cassirer verbunden. Dieser hielt 1944 in seinem Essay „An Essay on Man“ fest: „Wir können die Natur des Menschen nicht auf dieselbe Weise entdecken wie die Natur der Dinge“.

Dieser Satz ist zentral, wenn man Gruppendynamik verstehen möchte: Der Mensch ist nicht „trivial“ wie eine Maschine mit berechenbarer Input-Output Logik. Der Mensch ist, will er etwas über sich lernen, gleichzeitig Akteur und Beobachter seiner selbst. Darum ist „objektive“ Erkenntnis nicht möglich. Das Lernen in und über Gruppen – und damit über den Menschen ganz essentiell – erfordert darum eine ganz spezielle Methode: Einen Prozess des gemeinsamen Befragens, Austauschens, Nachdenkens, Erkennens. Gruppendynamik ist in der Folge praktische Emanzipation von individuell mitgebrachten Mustern von Wahrnehmung, Erleben, Gefühlen und Verhalten und trainiert die Fähigkeit, in der Unmittelbarkeit der Begegnung, im „Hier und Jetzt“ wahrzunehmen, zu erleben, zu fühlen und zu agieren und so die vielfältigen Potenziale einer Gruppe auszuschöpfen zu können.

Der Witz bei der Gruppendynamik ist: Während ich mich für diesen Prozess und damit für die Gruppe abmühe, arbeiten die anderen auch für mich und die Gruppe. Diese gemeinsame Arbeit erzeugt ein Gefühl der Solidarität und Nähe, das kaum ein anderes Format professioneller Ausbildung bietet und eine praktische Wirksamkeit, die unerreicht ist.

Im Februar 1954 wurde das erste Gruppendynamik Seminar in Europa durchgeführt. Das war im bitterkalten Linz, wie Traugott Lindner berichtete, der Organisator jener Premiere und kürzlich verstorbene Pionier der Gruppendynamik in Europa. Wie es 60 Jahre später um diese Disziplin steht, ist nicht einfach zu sagen. Ernst zu nehmende Vertreter und Anbieter jedoch sind sich über alle methodischen Unterschiede hinweg in einem einig: Gruppendynamik ist eine Methode, die eine humane und nachhaltige Gestaltung von Wandlungsprozessen erleben und möglich werden lässt – eine wichtige Basis demokratischen Handelns in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

60 Jahre in Europa: Happy Birthday, Gruppendynamik!

1 Kommentar zu „Happy Birthday Gruppendynamik“

  1. annemarie

    wow! sehr beeindruckend! danke, dass du die Welt daran erinnerst, dass manche Dinge, ohne die man sich das Leben nicht mehr vorstellen kann, nicht immer schon da waren. Sondern von mutigen Vordenkern erfunden wurden. … Heute würde man vielleicht sagen: Auch die Dinge kann man nicht auf dieselbe Weise entdecken wie die Dinge. 😉

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