It’s a women’s world

Seit bald zwanzig Jahren leite und begleite ich Leadership Trainings und Lehrgänge. Was in den Anfängen nach Zufall aussah, scheint wirklich ein Muster zu sein: Geht es darum, in erfahrungsorientierten Lernsettings etwas über Führung zu lernen, sind Frauen besser. Neutraler ausgedrückt: Es gibt einen bemerkenswerten Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Zunächst aber ein Wort zum Begriff: Erfahrungslernen auf dem genannten Gebiet ist ein intensiver Prozess des Erlebens, Verarbeitens und des Transfers von Lernsituationen, welche die realen Herausforderungen der Arbeitswelt möglichst gut abbilden. Diese Art von Lernen trainiert zeitgleich emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Aspekte des Führungsgeschehens und ist den meisten gebräuchlichen Formen von Führungstrainings überlegen. Das sage nicht ich. Das sagen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Erfahrungen in beiden „Lernwelten“.  Erfahrungslernen ist ein Gegenprogramm zu allen frontalen und anderen Methoden, die im Kern auf Expertentum und eine asymmetrische (hierarchische) Beziehung zwischen den Beteiligten bauen: Hier die Lernenden und damit noch inkompetenten. Dort die Lehrperson und damit das Wissen, das Können, die Wahrheit.

Doch nun zum besagten Unterschied. Frauen verzichten leichter auf „Musik von vorn“ in der Form von Frontalvorträgen, Theoriefeuerwerken etc. und finden schneller Gefallen an der Idee, dass es andere als hierarchische Lernformen gibt. Dass Führungskompetenz massgeblich in einer authentischen und selbstbewussten Persönlichkeit gründet, finden Frauen eine Binsenweisheit und nicht wirklich diskussionswürdig. Dass Leadership Kompetenzen nicht im klassischen Sinn gelernt, sondern nur entwickelt werden können ist den Frauen ebenfalls sonnenklar. In der Folge betrachten sie es eher rasch als lohnende Herausforderung, die Verantwortung für das eigene Lernen selber zu übernehmen und diese nicht an Spezialisten, Professoren oder Gurus zu delegieren. Dass sie damit auf eine Reise ins Neue und nicht im letzten Detail Bekannte gehen, strapaziert ihr Nervenkostüm offenbar weit weniger als jenes ihrer männlichen Kollegen.

Wir Männer scheinen ein signifikant höheres Bedürfnis nach Autorität, Hierarchie, Eindeutigkeit, Berechenbarkeit und Kontrolle zu haben und wollen viel genauer wissen, was en détail genau passiert und wieso und wie der „outcome“ dann sein wird. Wir operieren damit eher mit einer linearen Input-Output Logik nach dem Motto: Überraschungen sind etwas für Kindergeburtstage.

Einer der wertvollsten Fähigkeiten einer Organisationen ist ihre Anpassungsfähigeit an die sich permanent wandelnde und verändernde Umwelt. Diese beruht unter anderem auf der Lernfähigkeit ihrer Mitglieder. Und diese wiederum beruht darauf, ob deren Lernfähigkeit systematisch gefördert, geformt, unterstützt und entwickelt wird. Von wem wohl? Genau. Von den Vorgesetzten. Unter diesen scheinen die Frauen eindeutig die besseren Karten in diesem Spiel zu haben. Wir Männer müssen recht bald einen ziemlichen Zwischenspurt hinlegen, wollen wir in den zukunftsbildenden Lerndisziplinen der Führung nicht abgehängt werden und wollen wir unsere zweifellos vorhandenen Qualitäten die Zukunft ebenfalls mitgestalten lassen. Für den Moment einmal jedoch: Gratulation an die Frauen!

4 Kommentare zu „It’s a women’s world“

  1. Christine Jäger

    Ihr Blog hat mich sehr angesprochen! Ich habe selbst in meinen Trainings viele Frauen und erlebe diese als sehr stark und selbstbewusst. Vor allem haben sie keine Scheu Neues auszuprobieren und sich auf Unbekanntes einzulassen. Schön zu hören, dass auch ein Mann das so erlebt. Insofern bin ich gespannt, wie das weitergeht mit den Männern und den Frauen in Führungspositionen und hoffe, dass beide noch mehr voneinander lernen werden.

    Mit besten Grüssen
    Christine Jäger

  2. Magdalena Fischer

    In diesem Erfahrungslernen scheint es mir entscheidend zu sein als Führungsfrau zur eigenen Unvollkommenheit und Verletzlichkeit zu stehen. Ein zu führendes Frauen Team neigt oft zu Perfektionismus. Hier kleine Unvollkommenheiten und Fehler aufzudecken ohne jemanden unnötig zu beschämen ist ein langer Entwicklungsweg. Nach wie vor ist das vorgelebte Beispiel und das aufmunternde, beharrliche immer wieder Ansprechen der Weg, der weiter führt. Auch Neid und Eifersucht können in einem Frauen Team dominante Themen sein. Als Führungsperson mit Mut und Gleichmut solche Konflikte anzugehen braucht eine innere Klarheit, welche sich eigener allzu menschlicher Kränkungen und Missstimmungen bewusst ist, um jedes Teammitglied mit der gleichen starken Zugewandtheit in seinen Bestrebungen der Weiterentwicklung ernst zu nehmen und zu unterstützen. – In diesem Sinne führt Frau im kooperativen Stil Frauen. Ob Männer tatsächlich sowohl als Führende wie als geführt Werdende eher einen direktiven Stil bevorzugen um sich auf Änderungen einzulassen? Ich weiss es nicht. – Jeweils am meisten beeindruckt bin ich von Männern, die sich im Miteinander mit einer starken Partnerin im privaten Bereich auf Neues, Unerwartetes einlassen und so “Mitspielen” beim Erfahrungslernen. Vielleicht sind wir Frauen hier einfach die Übersetzerinnen um die neue Führungskultur der Eigenverantwortlichkeit und Offenheit für das Voranzuwachsende in die Zukunft auch unter Männern zu verbreiten.

  3. Danièle Lenzin

    Lieber Claudius
    Dein neuer Blog-Beitrag hat mich an Gerhard Schwarz erinnert. In seinem Buch “Die ‘Heilige Ordnung’ der Männer” befasst er sich mit dem geschlechtsspezifischen Umgang mit Hierarchien – und den Gründen dafür. Dass sich dieser Unterschied auch beim Lernen entfaltet, ist in dem Sinne “logisch”. Vielleicht haben es Frauen in Führungsfunktionen auch etwas leichter, neue Lernformen auszuprobieren, denn sie können es eigentlich sowieso nur falsch machen (vgl. akutelle Medienberichte zur Postchefin Ruoff). Zwar sind die Rollenerwartungen an weibliche Führungskräfte oft einengend, wie etwa die Chefin als “gute Mutter”. Gleichzeitig fehlt aber die jahrhundertlange Tradition der “Heiligen Ordnung” bzw. gibt es noch nicht so lange Frauen in Führungsfunktionen, was je nach Situation (Achtung: nicht jede Situaiton ist geeignet!) einen Freiraum schafft. Ich würdes es natürlich begrüssen, wenn sich mehr Männer dem Erfahrungslernen zuwenden würden. Das wäre einerseits spannend für die Zusammenarbeit und andererseits würde sich vermutlich auch ihr Rekrutierungsverhalten ändern: es bekämen mehr Frauen die Chance zum Führen.
    Liebe Grüsse
    Danièle Lenzin

  4. Hannah Nora Egli

    Vielleicht liegen die Unterschiede Frau-Mann in diesem Thema weniger in den jeweiligen Fähigkeiten oder Eigenschaften, sondern in den über Jahrhunderte verfestigten inneren Bilder in unserer Kultur/ Gesellschaft. Diese tief, oft halbbewusst eingeprägten Bilder zum Thema Führung beeinflussen unser (Lern-) Verhalten sehr stark. Sie prägen unsere (Be-) Wertung einer Information oder Erfahrung oft ohne dass wir uns der Zusammenhänge klar bewusst wären. Vielleicht haben auf diesem kulturellen Hintergrund Männer einfach viel tiefer eingegrabene patriarchale Führungsbilder verinnerlicht, die sie zuerst über Bord werfen müssen. Und das ist anstrengend. Die Macht und der Einfluss dieser inneren Bilder ist oft viel grösser und subtiler als wir uns bewusst sind. Deshalb finde ich das Erfahrungslernen umso wirkungsvoller, um solchen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen und neue Bilder aufzubauen und zu integrieren.
    herzliche Grüsse
    Hannah

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