It’s wild out there…

Gestern ist mir folgendes Seminarangebot aufgefallen: “Naturbezogenes Lernen in der Wüste”. Hängen geblieben bin ich für einmal nicht an der Faszination, die unendliche Weiten schon immer auf mich ausgeübt haben. Vielmehr interessierte mich das Angebot aus professioneller Sicht: Es zielt darauf ab, Menschen fernab jeder Zivilisation “naturbezogen” lernen zu lassen, wie Lernprozesse mit Erwachsenen gestaltet werden.

Nun ist nichts gegen naturbezogenes Lernen einzuwenden. Natur ist immer gut. Wie allerdings, frage ich mich, verträgt sich die angekündigte Naturbezogenheit mit dem in den fernen Weiten angesetzten Unterfangen – transporttechnisch gesehen? Klar, das ist mit einer Flugreise zu lösen und der erwartungsfrohe Trupp wird, so sich genügend interessierte Zeitgenossen finden, in den Flieger steigen und die gut 8000 Kilometer von der Schweiz nach, sagen wir mal, Ulan Bator bequem überwinden. Die paar Tonnen CO2? Ach, die Wüsten dieser Welt und die Welt selber sowieso sind gross und der Zweck ist ein hehrer. Da kann man schon mal grosszügig sein.

Aufschlussreich ist dieses Angebot in anderer Hinsicht. Es beantwortet auf seine Art die ganz zentrale Frage einer ganzen Branche: Wie lernen Erwachsene? Erwachsene Menschen lernen “da draussen”! In der Morgensonne der unendlichen Wüste Gobi oder nächtens in der Jurte beim Schein der Petrollampe, am Puls der Natur jedenfalls, dort kann nichts schiefgehen. Oder?

Sorry, die wahren Abenteuer sind im Kopf. Und wer einen Lernprozess schon von nahem gesehen hat, wird ergänzen “…und im Herzen”. Bei allem Verständnis für die Begeisterung für die Schönheiten und die inspirierende Kraft der Natur: Wer Erwachsene im Lernen unterstützt, muss zunächst und vor allem die Bedingungen für das innere Abenteuer schaffen und einen Raum, genügend Zeit und eine gehörige Portion Mut aller Beteiligten organisieren, sich auf einen Lernprozess einzulassen. Vor allem diesen Mut brauchen die “Lernenden”. Aber ebenso ihre Begleitung. Alle müssen das Unbekannte wagen, mit dem Lernen nun mal verbunden ist. Oder es passiert nur das Geplante und damit im Endeffekt herzlich wenig, was mit echtem Lernen zu tun hat. Vielleicht ist ein Wunsch nach Sicherheit im Lernen der Grund, dass die allermeisten Lernsettings “da draussen” angesiedelt werden: In Case Studies, Checklisten, Psychospielchen, Hochseilparks, Eis oder draussen in der Wüste. Dort ist die Reiseleitung anscheinend sicherer vor dem inneren Abenteuer. Dem der anderen und dem eigenen.

Mehr zu diesem Thema in meinem Artikel “Alles trügt, nur der Schein nicht” hier auf der Website.

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