Jason und die Konsonanten

„Hört man nach einem kurzen Vokal nur einen Konsonanten, schreibt man das Wort mit einem Doppelkonsonanten“… J. schaute auf. Es war offensichtlich, dass er nicht wusste, wie ihm diese Regel helfen sollte im kommenden Test. Und vor allem nicht im richtigen Leben.

Sein Blick ging zum Fenster hinaus und seine Gedanken folgten hinterher.

Warren Bennis, der Gruppendynamiker und Doyen der amerikanischen Leadership Theorie, erzählt von einem Vortrag in seiner Grundschule mit dem Thema „Was ich besonders gut kann“. Seine Mitschüler präsentierten ihre Hobbys: Schach, Baseball, Modellbau, Musik. Bennis jedoch hatte kein Hobby. Er kam aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Er fand nichts, was er besonders gut konnte. Ausser Schuhe putzen. Trotz Bedenken und grosser Furcht vor den Reaktionen weihte der schmächtige jüdische Aussenseiter die Mitschüler in die Geheimnisse des Schuheputzens ein: wann ein Baumwolllappen besser glänzt als eine Bürste. Wann Ochsenblut besser ist als Schwarz. Wann etwas Spucke hilft und wann auf keinen Fall…Er habe diese Mischung aus Interesse und ratloser Ablehnung in den Augen seiner Mitschüler nie mehr vergessen und etwas Wichtiges über das Leben gelernt, schliesst Bennis diese Anekdote.

„Wo wärst du jetzt am liebsten?“

„Auf der Argo. Mit Jason auf dem Weg nach Kolchis…“

J. liebt griechische Mythologie. Sie führt ihn fort in die Welt der Helden und Götter und der grossen Abenteuer. Er gäbe alles dafür, mit dabei gewesen zu sein, mit Herakles und allen anderen Argonauten auf der Suche nach dem goldenen Vlies.

„Weisst du… Jason ist dann zurück übers Schwarze Meer und so weit die Donau hinauf gefahren wie vor ihm noch kein Schiff…“

„Erzähl mir mehr…“

J.’s Augen leuchteten.

5 Kommentare zu „Jason und die Konsonanten“

  1. Hannah Nora Egli

    Lieber Claudius
    wann sind wir wirklich Mensch? Wenn wir die Regeln gut beherrschen? Wenn wir die Anderen kritisch beurteilen?
    Ich bin für die strahlenden Augen und für die Begeisterung in der innerlich gefühlten Sinnhaftigkeit, in der Verbundenheit, in der Vielfalt. Da liegt der zu tiefst menschliche Reichtum, die Triebfeder des Lebendigen! Danke für den Blog.
    In diesem Sinne wünsche ich allen eine reichhaltige menschliche Frühlingszeit!
    Herzliche Grüsse, Hannah

    1. Ruedi Stricker

      Schön geschrieben. Prinzipien sind für das Leben da und nicht umgekehrt. Nicht die Verletzung von Regeln durch Einzelne ist der GAU, sondern die gemeinsam von Konformisten und Psychopathen organisierte Katastrophe. Auf der anderen Seite steht die Liebe im umfassenden Sinn – vielleicht das einzige Phänomen, das sich erfolgreich gegen die physikalischen Gesetze der Entropie wehrt.

      Herzlich

      Ruedi

  2. Silvia Erb

    …ich schliess die Augen und reise weiter auf meinem Lebensschiff. Woher es kommt weiss ich. Wohin die Reise geht glaube ich zu wissen. Doch ebenfalls weiss ich, dass ein Augenblick die Reiseroute ändern kann.
    Und trotzdem, mein persönliches goldene Vlies habe ich gefunden. Es bringt mir jeden Tag mein Stück vom Glück. Wer auch gerne ein Stück davon möchte…. bitte melden.
    Ich wünsche euch allen Demut und Mut mit eurem Leben auf Reisen zu gehen.

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