Lebe im Jetzt und gehe deinen Weg

5 Minuten mit… Li Simon

Li Simon ist mein Name. Ledig Krensler. Meine Vorfahren mit Namen Krensinski, Juden aus dem Baltikum, sind im Zug der russischen Revolution nach Schweden ausgewandert und betrieben einen Antiquitätenhandel in Stockholm. Sie wechselten ihren Namen vor dem zweiten Weltkrieg im Hinblick auf die Verfolgung der Juden. Ich kam noch in Schweden auf die Welt, aber dann bald in die Schweiz. Damals rekrutierte die Schweiz sehr viele Zahnärzte wie meinen Vater aus Schweden.

Nach der Verkehrsschule besuchte ich die Kantonsschule St. Gallen, aber fand bald einmal das Konzept der HWV spannender, vor allem den Mix aus Theorie und Praxis. Also habe ich meiner Mutter eröffnet, dass ich die Kanti verlassen und zu arbeiten beginnen würde. Das war sicher nicht ganz einfach für sie, aber sie meinte «Ok, wenn das für dich der Weg ist, dann ist das der Weg». Relativ rasch fand ich eine Stelle und übernahm das Sekretariat in einer Treuhandfirma, dann zusätzlich die Wohnungsbesichtigungen, dann noch die Heizkostenabrechnungen etc. Das war tiptop, aber bald nicht mehr der ultimative Challenge. Zumal ich parallel schon meine erste kaufmännische Weiterbildung als Vorbereitung für die HWV gemacht hatte. Das ist ein Muster, das mich mein ganzes Leben hindurch begleitet: ich arbeite immer und mache dauernd Weiterbildungen. Sonst habe ich das Gefühl, «es ist zu wenig».

Immer noch mit dem Ziel, an der HWV zu studieren und kurz nach dem Wechsel zu Huber&Suhner wurde ich schwanger. Sogar ich musste jetzt zugeben, dass ein 100% Pensum plus begleitende Ausbildung plus Kind ein zu schwieriger Weg werden würde. Also nahm ich einen anderen. Und weil mich das Thema Export sehr zu interessieren begonnen hatte, nahm ich nach der Geburt jeweils am Samstag Privatunterricht, machte das Proficiency und arbeitete weiter, denn ich wollte immer meine eigene Meisterin sein.

Zentral war immer, dass die Kinder eine gute Struktur haben, unabhängig davon, was und wo ich arbeite. Zum Glück war da dieser alte Freund der Familie, mit dem schon ich aufgewachsen war. Ihn fragte ich eines Tages, ob er nicht Lust hätte, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Er sagte zu und innerhalb eines Monats absolvierte er unseren «Crash Kurs» in Kinderbetreuung, übernahm den Vierjährigen und ein Baby von zweieinhalb Monaten – und ist heute immer noch bei uns…Zwanzig Jahre später! Später kamen noch zwei Kinder – wenn ich Markus nicht gehabt hätte, wäre das nicht möglich gewesen.

Als frisch gebackene Exportleiterin kam ich 2001 zu Fisba und machte ganz unscheinbare erste Schritte: ich hatte mein Auftragsgebiet bzw. verantwortete die Zollformalitäten bestimmter Märkte. Aber da war jemand, der mir immer wieder sagte: «Li, du kannst mehr». Auch wenn ich mich als Person einschätze, die sich sehr gut selber motivieren kann, diese Bekräftigung war wichtig. Wie viele Frauen hatte ich eher Selbstzweifel im Vergleich zu vielen Männern. Dieser Vorgesetzte aber nahm mich mit zu Meetings, zu Grosskunden, liess mich die Themen wirklich in der Tiefe erfassen und verstehen. So wurde ich nach und nach sichtbar als Person und konnte den Verkaufsinnendienst der Gesamtfirma leiten.

Mein Förderer erlebte mich ja «live» in Kundengesprächen und meinte irgendwann, ich hätte auch das Zeug für den Verkauf. «Um Gottes willen» antwortete ich. Denn im Verkauf arbeiteten Ingenieure, studierte Leute, und ich fand, ich kann doch überhaupt nichts! Er aber meinte nur: «Hmmm…., komm mal mit» und ich durfte in den Verkauf hineinschnuppern. Im Grunde fing ich an, an mich zu glauben, weil er an mich glaubte.

Irgendwann jedenfalls führte ich den ganzen skandinavischen Markt, aber hatte immer jemanden von F&E dabei, weil ich nur begrenzt in technischen Belangen mitreden konnte und wollte. Daneben aber, vermute ich, war die Art und Weise wichtig, wie ich mit Menschen umgehe. Es ist keine Frage mehr, dass man Qualität und Lösungen bringen muss und diese kostengünstig. Es gibt fast keine Differenzierungsmöglichkeiten mehr. Was jedoch macht den Unterschied, wenn man im Grunde vergleichbar ist? Das kleine Extra ist dann, dass man nicht nur über die Sache redet. Sondern Beziehungen aufbaut. Das ist zum Teil jahrelange Arbeit, da wird umarmt und alles… Ingenieure haben da oft ein anderes Naturell…

In jener Zeit fanden sowohl der Verwaltungsrat als auch der Geschäftsleiter, dass Fisba genug Ingenieure habe. Und dass die Art, wie wir mit Kunden umgehen, mehr Aufmerksamkeit verdiene. Als dann die Stelle des Verkaufsleiters ausgeschrieben wurde, bewarb ich mich aber nicht. Denn sie verlangte einen technischen Abschluss – und für mich war klar, dass ich das nicht erfülle. Bis der CEO auf mich zukam und meinte, er warte immer noch auf meine Bewerbung. Und ich bewarb mich.

Das Gespräch dann mit dem Verwaltungsratspräsidenten war ein Schlüsselerlebnis: Er stellte zwei, drei Fragen…und ich redete und redete, war offen und ehrlich, beschrieb meine Stärken, meine Schwächen und dass ich von Technik wenig Ahnung habe und am Schluss war ich sicher, viel zu viel geredet zu haben. Der Verwaltungsratspräsident aber bedankte sich ganz herzlich für das Gespräch und meinte, dass das Unternehmen genau das sehr gut brauchen könnte: mehr Leben.

Ich verliess den Besprechungsraum und es war gut für mich. Auch wenn ich den Job nicht gekriegt hätte, da war jemand gewesen, der mein Wesen erkannt hatte. Der schätzte, dass ich offen bin, natürlich, ohne Maske, authentisch. Es gibt diese Firma seit 1957. Es war bis zu meiner Ernennung vor vier Jahren noch nie dagewesen, dass eine Frau den Verkauf führt und damit in der Geschäftsleitung sitzt. Das war ein gewisses Risiko, eine Verkaufsleitung ohne technischen Hintergrund. Aber ich wusste immer, wo meine Grenzen sind und fragte meine technischen Ingenieure, was ihnen wichtig ist. Interessant war, dass sie berichteten, dass Vorgesetzte mit technischem Hintergrund oft mitreden bei Themen, ohne über das nötige Spezialwissen zu verfügen bzw. nur über Halbwissen. Ich bin ganz klar die Chefin, aber ich vertraue voll auf die Fachkompetenz meiner Spezialisten.

Parallel zu meiner neuen Aufgabe studierte ich Unternehmensführung, hängte einen MBA an der Uni St. Gallen an und lernte meinen jetzigen Mann kennen. Er leitete die Informatik im gleichen Unternehmen, was eine etwas delikate Situation ergab. Entgegen dem gängigen Cliché war es mein Mann, der die Veränderung auf sich nahm: er gab die Leitung ab, arbeitete in einem reduzierten Pensum als normaler Mitarbeiter und wechselte schliesslich in ein anderes Unternehmen.

Im Lauf der Jahre habe ich ein grosses Netzwerk aufgebaut, bin im Vorstand des KMU Fördervereins und freue mich, gerade auch Frauen meine Erfahrungen weiter zu geben. Wobei es vermessen wäre, zu behaupten, dass immer alles so einfach wäre. Natürlich gibt es Situationen, in denen spürbar wird, dass man als Mutter mit diesem Job zwar da ist – aber doch nicht da. Trotz aller Strukturen, die man so sorgfältig wie möglich für die Kinderbetreuung aufbaut. Wenn zum Beispiel ein Kind krank ist. Dann ist klar, dass der Papa die Bezugsperson ist – und man fragt sich schon, ob die Karriere der richtige Weg war.

Es ist aber eine  gewisse Lust dabei, nicht den gängigen Bildern zu entsprechen. Auf unserem Briefkasten beispielsweise stehen vier Familiennamen. Bei uns schmeissen zwei Männer den Haushalt und die hängen auch die Wäsche auf – in einem kleinen Dorf mit weniger als hundert Häusern…Was in Schweden normal ist, würde ich mir auch für die Schweiz wünschen: Wenn ich um 14 Uhr einen Manager in Schweden anrufe, dann ist es ganz normal, dass er das Telefon beenden muss, weil er die Kinder von der Kita abholt.

Nach Phasen in jüngeren Jahren, in denen es für Kinder nicht immer leicht war, eine Mutter wie mich zu haben, merke ich mehr und mehr, dass die Kinder stolz sind, ein Mami zu haben, mit dem man eine Bilanz anschauen, gesellschaftliche Themen besprechen kann, die eine Position hat, die sonst eher Männer innehaben. Es erfüllt mit Stolz, dass die Kinder gut geraten, authentische Menschen geworden sind.

Für viele Firmen hier in der Schweiz ist Präsenz noch sehr wichtig. Man glaubt, dass die Mitarbeiter nur arbeiten, wenn sie in der Firma sind. Gerade von mittleren KMU so ab 100 Mitarbeitern würde ich mir wünschen, dass das Verständnis für die Bedürfnisse von Familien wächst. Ich versuche, zum Beispiel Frauen in Teilzeit zu fördern. Diese sind unglaublich fokussiert, schmeissen eine Familie und den Job, können organisieren etc.

Je höher man steigt, desto mehr läuft über Netzwerke. Ab einer bestimmten Position zum Beispiel werden Jobs fast nur noch innerhalb von Netzwerken vergeben. Wenn ich Frauen einen Rat geben müsste, dann würde ich sagen: Versucht, Zugang zu Männernetzwerken zu finden! Indem ihr ganz einfach fragt, ob ihr da und dort an jenem Treffen auch mit dabei sein könnt! Ich habe mich selber lange auch nicht getraut. Aber es war nie ein Problem, dass ich dabei war. Hier sind Männer viel unbekümmerter.

Ich habe viele reine Frauenteams gefürt. Einer Frau zu sagen, dass etwas nicht gut gelaufen ist, ist delikat, die Formulierung anders als bei Männern. Einem Verkäufer sage ich, du hast einen Schmarrn gemacht. Einer Frau sage ich: «Bei mir ist es so und so angekommen…», auch wenn beiden klar ist, dass ein Fehler vorliegt. Frauen brauchen, glaube ich, die Möglichkeit, ihre Perspektive einzubringen. Ich finde, Männer zu führen ist einfacher. Und genau deswegen befürworte ich gemischte Teams.

Meine Motivation ist die Freude an der Arbeit mit Menschen, gemeinsam weiter zu kommen, Schritte vorwärts zu machen. Es ist wie eine Reise. Früher hatte ich immer jemanden, der mich mitgezogen hat. Jetzt ziehe ich und ich glaube, das wirkt sich gut aus: die Leute um mich herum spüren, dass ich sie unterstützte, dass sie Schritte machen, dass wir gemeinsam wachsen.

1 Kommentar zu „Lebe im Jetzt und gehe deinen Weg“

  1. Sandra Mühlhauser

    Ein wunderschöner Text!
    Hoffentlich wird es in Zukunft normal sein, dass Frauen solche Wege gehen.

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