Lohnt es sich, ChefIn zu sein?

Über viele Kulturen hinweg besteht so etwas wie ein Minimalkonsens, ob und wann sich etwas lohnt, nämlich
a)wenn eine Gegenleistung winkt: hier kann es um Geld, Geldwertes, aber auch komplett Nicht-Materielles gehen
b)weil es Spass macht oder sonst glücklich macht
c)weil es Pflicht ist

Warum lohnt es sich nun wirklich, eine Führungskraft zu sein?

a) …weil eine Gegenleistung winkt?
Finanziell sind Führungskräfte gegenüber den ihnen anvertrauten Mitarbeitenden in der Regel besser gestellt. Das mag dazu beitragen, dass es manche eher materiell orientierte Zeitgenossen in Führungstätigkeiten zieht. Leider sind Karrieristen, die über Führungsjobs Kasse machen, keine Ausnahmeerscheinungen. „Normale“ Führungskräfte jedoch bezeichnen ihr Gehalt nicht selten als „Schmerzensgeld“, mit dem sich die Organisation Dinge sichert wie: Permanente Verfügbarkeit, nicht-existente Wochenenden, Sonderschichten, unermüdliche Motivation und eine Identifikation, die so weit gehen kann, dass der Blackberry auch beim candle light dinner anlässlich des dritten und letzten Hochzeitstag in Griffnähe auf dem Tisch liegen bleibt.

Aber es gibt ja auch nicht-materielle Gegenleistungen für das Engagement als Führungskraft, Anerkennung und Wertschätzung etwa. Die werden, berichten Einzelfälle, hie und da tatsächlich ausgesprochen. In der beobachtbaren Dichte ihres Vorkommens jedoch sind nicht-materielle Incentives immer noch eher etwas für ausgesprochene Idealisten und ihren Hang zu geistigem Glück. Kurz, und um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen: Eine Existenz als Führungskraft gründet wohl besser nicht oder nicht ausschliesslich auf der Hoffnung nach Gegenleistung.

b) …weil es Spass macht?
In unserer Gesellschaft ist Spass ein nicht zu unterschätzender Wert geworden. Leider jedoch gelten Führungskräfte bei ihren Mitarbeitenden eher als einschlägige Bremsen, verordnen sie doch mit hartnäckiger Regelmässigkeit neue, andere, oft lästige, Ziele, Veränderungen, Termine, Projekte oder zur Abwechslung Umzüge in neue Räumlichkeiten.

Welche mit einem Mindestmass an Empathie ausgestattete Chefs könnte noch guten Gewissens Spass empfinden beim Anblick von Mitarbeiterinnen, welche „not amused“ sind aufgrund der ihnen zugemuteten Führungsarbeit? Wohl nur völlig Naive, Ahnungslose oder offen bekennende Quälgeister mit der Berufsbezeichnung „Manager“ auf der Visitenkarte.

Für die Organisation wiederum hört der Spass spätestens dann auf, wenn eine Führungskraft „gut“ sein will, sich für die Belegschaft einsetzt und im bester Absicht eben diese Ziele, Veränderungen, Termine oder permanenten Umzüge hinterfragt. „Der Mensch ist Mittel. Punkt“ wird dann beschieden und damit gerechnet, dass Anflüge von Humanisierung der Arbeitswelt fürs erste vom Tisch sind.

Zuhause schliesslich, kommt manchem Vorgesetzten der Sinn für Humor abhanden bei der Frage „Auch schon zuhause?“ oder – im Fall von temporärem partnerschaftlichem Dissens „Und so etwas ist Chef und führt Leute… machst Du das mit Deinen Schäfchen auch?…“ Zwischenbilanz: Führungskräfte bewegen sich in einem permanenten Minenfeld von Widersprüchen, die es in sich haben und nachhaltige Gaudi so recht nicht aufkommen lassen wollen. Und: Die Frage, ob Spass und Glücksempfinden nicht etwas überhöhte Erwartungen an die Tätigkeit als Führungskraft – sie muss wohl bejaht werden. Trotz allem gibt es Berichte, die von Momenten der Freude und des Glücks als Chef bzw. Chefin zeugen. In diesen raren Momenten heisst es: sofort mit einem Gang in den Keller und dem Entkorken eines Jahrhundert Champagners feiern.

c) …weil es Pflicht ist?
Zunächst ein Wort zum Wort „Pflicht“: die etwas streng anmutende Note von „Pflicht“ sollte nicht zu sehr irritieren. Pflicht kommt, gräbt man etwas tiefer in der Wortbedeutung,  von „Pflegen“ im Sinn von „Obhut, Fürsorge und Sorgfalt“. Eine Pflicht zu erfüllen, heisst im Sinne des Wortes Sich-Kümmern, Sich-Sorgen, mit Umsicht und Konzentration bei der Sache sein.

Was sind das für Menschen, die etwas aus so verstandenem Pflichtgefühl tun –  im Unterschied zu den Gierigen, Ahnungslosen, hoffnungslosen Idealisten, Spass- und Glücksritter etc., von denen im Vorherigen die Rede war? Vermutlich sind es Männer und Frauen, die sich bewusst entschieden haben, einer Tätigkeit nachzugehen, die wie kaum eine andere über die Lebensqualität von sehr vielen Menschen entscheidet. Sie haben sich entschieden, direkt oder indirekt Verantwortung nicht nur für Sachen, sondern auch für Beziehungen, Lebensentwürfe, Träume, Hoffnungen, Erwartungen zu übernehmen. Dafür, dass Sie diese in ihre Obhut nehmen, gebührt Ihnen grosser Dank.

Ein Nachsatz noch aus aktuellem Anlass: Dass in Zeiten fortschreitender Aldisierung auch des Bildungswesens genau diese Menschen in ihrer Aus- und Weiterbildung eine adäquate Lernwelt finden, dafür steht seit genau einem Jahr das L3 Institut für Systemisches Leadership. Happy Birthday L3!

 

8 Kommentare zu „Lohnt es sich, ChefIn zu sein?“

  1. Anneliese von Felten

    Sehr geehrter Herr Fischli
    Ich habe Ihren Blog von einer Absolventin Ihrer Gruppendynamik Kurse empfohlen gekriegt und lese Ihre Gedanken mit Vergnügen. Die mangelnde Wertschätzung der Führungsarbeit in vielen Firmen ist tatsächlich frappant. Mann/Frau kommt da nur durch mit eigener Identifikation und Sinngebung. Und da unterscheiden sich Chefinnen nicht gross von den Mitarbeiterinnen.

  2. Claudia Benninger

    allegra Claudius

    Bei deinen Aufzählungen fehlt mir der Ehrgeiz: Der Ehrgeiz mit dem Individuum, dem Team, der Organisation und mit sich selber zu feilschen und in Interaktion das Optimum herauszuholen. Der Ehrgeiz, herauszufinden, welche Mitarbeitende welche Fähigkeiten hat, diese individuellen Ressourcen zu stärken und zu einem tollen Ganzen wachsen zu lassen. Ganz wichtig dabei: Trotz Ehrgeiz die eigenen Grenzen und die der Mitarbeitenden zu respektieren. Und natürlich auch die Erwartungen und Grenzen der Familie zu respektieren. Damit das candle light dinner zum dritten Hochzeitstag nicht das letzte ist! Ist die Familie doch der einzige Ort, wo man langfristig Wertschätzung und Dankbarkeit erhalten kann.
    Und das allerbeste am Job der Führungskraft? In all diesen herausfordenden und manchmal auch an die eigenen Grenzen bringenden Situationen sich besser kennen zu lernen und sich damit selber ein Stück näher zu kommen.

    Alles Gute zum Geburtstag L3!

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Claudia
      Du hast schon recht: Etwas zu wollen von sich und den anderen ist ganz grundlegend fürs Chefin Sein. Und dabei die Grenzen gut auszuloten, weil sie nun einmal fliessend sind. Danke für deine Gedanken und Danke für die Geburtstagswünsche! Liebe Grüsse Claudius

  3. Silvia Erb

    Lieber Claudius
    Als Absolventin des Lehrgang Leadership weiss ich, dass es sich sehr wohl lohnt, Chefin zu sein! Ich bin davon überzeugt, dass es die Mischung aus allem ist, wie du es in den obigen Zeilen beschrieben hast. Beim Personal die individuellen Fähigkeiten zu entdecken und sie dazu befähigen und zu motivieren eigenverantwortlich die Vorgaben von Firmen und Institutionen zu erfüllen. Somit kann ich auch getrost mein Samsung zum Dinner zu Zweit mitnehmen mit dem Wissen, dass auch ohne meine permanente Präsenz der “Laden läuft”. Im Übrigen ein gutes Gefühl.
    Sehr wohl sehe ich es auch als meine Pflicht an, Sorge und Verantwortung für das Personal zu tragen. Dies wiederum setzt gegenseitiges Vertrauen voraus, welches in meinen Augen die Basis ist um erfolgreich Führen zu können. Vielleicht ist ein Schlüssel dazu Feedback. Und warum nicht einmal Fedback “nach oben” geben? Denn wahrscheinlich fast jeder von uns führt nicht nur, sondern wird auch geführt.
    Und wenn das Gehalt am Ende des Monats auch noch stimmt, kann Chefin sein sehr wohl hin und wieder eine Gaudi sein. Ich bin der Meinung, dass eine gute Portion Humor in keiner Führungsetage fehlen sollte. Über eine Sache Lachen heisst noch lange nicht, sie ins Lächerliche zu ziehen.
    Somit wünsche ich eine humorvolle Sommerzeit und viel Spass beim ChefIn sein.
    Herzlichst
    Silvia

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Silvia
      Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt 🙂

      Chef völlig atemlos zu seinem Mitarbeiter: “Ich hab Sie überall gesucht. Wo waren Sie denn?!” – “Aber ich saß doch die ganze Zeit an meinem Schreibtisch und habe gearbeitet.” – “Das konnte ich natürlich nicht ahnen…”

      Vielen Dank für deinen Kommentar und auch dir einen schönen Sommer! Liebe Grüsse Claudius

    2. Claudia Benninger

      allegra Silvia

      Schön, von dir zu hören!
      Als ich deine Zeilen gelesen habe, ist mir folgende Geschichte wieder in den Sinn gekommen: Vor einiger Zeit führte eine Klasse meines Schulhauses ein Theater für Eltern auf. Zur selben Zeit genoss ich ein Dinner zu zweit. Als ich zwischendurch mal aufs Handy schaute – weil ich wissen wollte, ob unsere Kinder angerufen hätten – sah ich vier versuchte Anrufe innerhalb einer Stunde von besagter Lehrperson auf dem Handy: Nach der Vorführung war eine Treppe im Schulhaus zusammengestürzt, zwei Mütter hatten sich mittelschwer verletzt und einige Personen konnten nicht mehr runter von der Galerie des Theatersaals.
      Mein Mann musste also das Dinner alleine beenden und als ich auf der Unfallstelle eingetroffen bin, waren die Verletzten mit dem Krankenwagen bereits ins Krankenhaus gebracht worden und die Feuerwehr hatte die Personen von der Galerie geholt. Es war ein wirklich gutes Gefühl zu merken, dass mein Personal auch in einer extrem schwierigen Situation professionell und ruhig gehandelt hat und es hat mich darin bestärkt, dass ich voll auf meine Leute vertrauen kann!

  4. Ruth Aregger

    Lieber Claudius, Lieber Christoph, Liebe Ruth

    Happy Birthday L3!
    Euer Blog ist ein Genuss und zum Weiterempfehlen bestens geeignet.
    Zudem erinnert mich jeder neue Blog stets wieder an die ausgezeichneten Erfahrungen in der systemischen Trainingsgruppe, die noch jetzt wohltuend nachwirken.
    Liebe Grüsse, Ruth

  5. Hannah Nora Egli

    Lieber Claudius
    dein Text hat mich zum Nachdenken angeregt. Zu Beginn meiner Führungstätigkeit war sicher ein Prestige-Gedanke mit dabei. Der hat sich aber im Laufe der Zeit verflüchtigt. Vom Gedanken, dass sich Führung lohnt bin ich im Moment ziemlich weit weg. Aber was ist es denn, das mich an der Führungsarbeit dran bleiben lässt? Es ist die Möglichkeit etwas bewirken und gestalten zu können, auch wenn es zeitweise nur im kleinen Rahmen sichtbar ist. Das Gestalten von Arbeitsabläufen und hin und wieder von Arbeitsbedingungen ist die eine Seite. Das Gestalten von Kommunikation, Haltungen, Wertvorstellungen, Arbeitsbeziehungen und der Stimmung am Arbeitsplatz ist mir die ebenso wichtige andere Seite. Gerade mit den sehr positiven Erfahrungen und Veränderungen durch den Leadership-Kurs sind mir die Möglichkeiten auf diesen Ebenen noch bewusster geworden. Das zu beobachten und weiter zu verfeinern, macht die Führungsarbeit spannend.
    In dem Sinne: Führen heisst gestalten, – so wie eine Skulptur, die sich über die Zeit verändert.

    Ich freue mich auf den letzten Kursteil im Leadership-Kurs!
    Herzliche Grüsse
    Hannah

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