Mach einfach!

Fünf Minuten mit… Brigitte KalbacherBrigitte Kalbacher

Aufgewachsen bin ich auf einem Aussiedlerhof, der so abgelegen war, dass ich nie einen Kindergarten besucht habe. Beim Baden am Samstag war die Reihenfolge klar: zuerst der Vater, dann die Mutter, dann der Sohn und zuletzt ich als Tochter. Obwohl ich elf Monate älter als mein Bruder bin. Auch beim Sonntagsbraten kriegte ich, wenn die anderen genommen hatten. Das war traditionelles Rollenverständnis und völlig normal.

Weil es viel praktischer war, wurde ich ein Jahr später als üblich eingeschult und mein Bruder und ich konnten die gleiche Klasse besuchen. Wohl darum hatte ich es in der Grundschule leicht. Meine Eltern wollten dennoch, dass ich später ganz normal eine Lehre mache. Ich aber bin zum Rektor gegangen und wollte von ihm wissen, was ich machen kann, damit ich auf eine weiterführende Schule komme. Eigentlich war ich ja eher schüchtern gewesen und ich wundere mich heute noch, dass ich mich das getraut habe!

Als Jahrgangsbeste musste man mich fast aufs Gymnasium lassen. Obwohl ich eine Frau war. Das altsprachliche Gymnasium dann hat mir eine neue Welt eröffnet! Lernen war für mich keine Last und die Frage war, wie ich die Bücherei im Nachbarzimmer auch noch «entern» könnte für neuen Lesestoff. Ich habe Latein, Griechisch und auch Hebräisch gelernt und wollte unbedingt katholische Theologie studieren. Einfach, weil ich fand, dass die Rolle der Frau in der katholischen Theologie nicht mehr zeitgemäss ist und dass man das doch gleich mal revolutionieren könnte. Aber man sagte mir, in der katholischen Kirche wolle das kein Mensch und meine Pläne erwiesen sich als nicht durchführbar.

Stattdessen studierte ich Lehramt, stellte mir mein Programm zusammen und kriegte zu hören, das sei doch viel zu viel für mich, der Durchschnitt mache weniger…aber ich wollte doch etwas lernen! Im letzten Schuljahr gab es einen Medizintest und dafür einen Tag frei. Weil ich auch einen Tag frei wollte, meldete ich mich an. Auch ohne jede Vorbereitung schnitt ich sehr gut ab, aber das vergass ich schnell wieder. Denn Medizin, das war für mich klar, war etwas für die «Mehrbesseren», also ausser Reichweite. Für mich als Frau sowieso.

Bald aber spürte ich: wenn ich etwas lernen will, dann jetzt! Und traute mich, mir einen Studienplatz in Berlin, damals mitten im Osten, und eine Wohnung zu besorgen. Die Reaktion darauf war keine Gratulation, sondern «Mein Gott, Berlin! Um Himmels willen!». Da ich keine Unterstützung hatte, arbeitete ich zuerst ein halbes Jahr und studierte im näher gelegenen Ulm statt in Berlin. Wenn ich immer gemacht hätte, was die Leute gut fanden für mich, wäre ich heute wahrscheinlich Wurstverkäuferin irgendwo in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin.

Mir ist nicht klar, woher diese innere Energie kam, meinen eigenen Weg zu gehen. Aber es gab prägende Erfahrungen. Zum Beispiel, dass mein Vater mir schon relativ früh viel Verantwortung übertrug. Er gab mir einmal ein Stück Land mit den Worten: «Mach mal!» Ich wusste, dass er mich nicht kritisieren, mir die Freiheit geben würde, aus dem Land zu machen, was ich wollte. Es war unglaublich schön, aus eigener Kraft gestalten und sehen zu können, was entsteht. Wenn ich mir diese Gedanken mache, fällt mir auf, dass meinem Vater nicht wichtig war, was andere denken. Er hat einfach gemacht. Ich habe anscheinend von ihm gelernt, dass man nicht etwas tut, nur weil es andere wollen. Sondern weil man überzeugt ist, eine Haltung hat, eine Meinung, zu der man steht.

Damals war es sehr schwierig, eine Stelle zu finden, und so ging ich an die Uni. Aber bald kam ein neuer Chef. Mit allen Insignien der Macht: Vollbart, Krawatte, Sitzordnung abgestuft in hierarchischer Rangordnung … das war mir sehr fremd und ich habe gemerkt, dass die Energie nicht ins Fachliche fliesst, sondern in so Spiele. Und sagte mir: Weg von der Uni!

Ein paar Stationen später und durch einige Zufälle bin ich 2003 ins Gesundheitszentrum nach St. Gallen gekommen auf dieses neue Stockwerk. Es gab keinen Tisch, keinen Computer, nichts. Ich holte einen Putzeimer, suchte am Abend einen Tisch im Haus, einen Stuhl, ein Telefon, besorgte im Baumarkt ein Brünneli und montierte es am Wochenende. Was mich überhaupt nicht störte. Im Gegenteil.

Ich weiss noch, wie ich am ersten Tag dagesessen bin: unter lauter Allgemeinärzten und ich als einzige Spezialistin. Und wie meine Kollegen gefunden haben «Was ihr Dermatologen könnt…irgendeine Cortison Creme draufschmieren …das können wir auch». Es dauerte gar nicht so lange und es hiess «Die können doch etwas mehr als Cortison schmieren, die kennen sich mit Allergien aus, können Sachen rausschneiden» und bald war ich ausgelastet.

Dann der Unfall 2007, mein einschneidendes Lebensereignis. Nach vier Jahren hatte ich meine ersten drei Wochen Ferien am Stück, und wachte nach einer frontalen Kollision etliche Tage später im Spital auf. Ich sah, dass ich überall eingegipst war und konnte mich kaum bewegen. Zum ersten Mal im Leben spürte ich, dass Kraft endlich ist. Einen Telefonhörer zu halten war eine fast unmögliche physische Anstrengung, Und ich machte die anfangs schwere Erfahrung, Hilfe annehmen zu müssen.

Ich möchte nie mehr Energie vergeuden für Blödsinn, für Unwichtiges. Und ich habe gelernt, nicht mehr den Anspruch zu haben, normal sein zu müssen. Ein einfaches Beispiel: Mit einem gebrochenen Fuss, der nicht nach der Norm zusammengewachsen ist, sollte ich die «üblichen» Übungen machen, bis der Fuss wieder normal sei. Irgendwann war ich diese Diskussionen leid, denn ich war einfach dankbar und glücklich, dass ich wieder laufen konnte, wieder selbstständig war und hatte nicht mehr den Anspruch, dass alles so gerichtet werden muss, dass ich wieder bin wie vorher. Ich wusste, mein Normal ist jetzt anders.

Wenn man so ein einschneidendes Erlebnis hat, die Begrenztheit erfährt, wenn das Leben auch genauso gut hätte vorbei sein können… dann in der «Zugabe» zu leben, das ist ein richtig schönes Gefühl. Leben wird so wertvoll und so kostbar!

Es gab in jener Zeit unwahrscheinlich viele Menschen, die mir geholfen haben. Vor allem auch mein Partner. Er ist sehr stark gewesen, hat alles übernommen, hat die Energie gehabt, mich zu waschen, zu unterstützen, zu schauen, dass alles passt. Unsere Beziehung hat sich damit ein Stück weit verändert und ich habe gelernt, im Leben nicht alles selber zu regeln.

Ich lag noch im Spital und dachte: «So, jetzt ist das Leben vorbei, du hast keine Kraft, du bist ein Sozialfall», als mein Chef anrief und sagte: «Übrigens, wenn du wieder gesund bist, dann habe ich vor, dass du die Leitung des Gesundheitszentrums übernimmst». Ich hätte im Leben nie die Idee gehabt, dass ich einmal das GZ leite. Als Frau? Als Deutsche? Als Fachärztin? Es gab tausend Gründe, warum ich nicht in Frage kommen konnte! Und so war mein erster Reflex: «Der ist nicht ganz dicht!».

Doch es ging es nicht lange und mein Chef kreuzte mit Umbauplänen auf. Ich konnte diese kaum halten, so wenig Kraft hatte ich. Gleichzeitig aber war ich nur unendlich froh, etwas zu tun zu haben. Kaum zuhause nach der Reha rief mein Chef wieder an und fragte, ob ich am nächsten Tag Zeit hätte für eine Budgetbesprechung. Auf diese folgte die nächste Umbaubesprechung, zu der ich mit Rollstuhl und Halofixateur nach St. Gallen fuhr. Und plötzlich war ich wieder zurück im realen Leben und heilfroh darüber.

Seit damals war Arbeiten nie mehr eine Last. OK…eine Position wie meine hat immer verschiedene Seiten: Solche, die einem viel Freiheiten bringen und Möglichkeiten. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mich doch frage, warum ich mir das antue. Das sind dann so Tage, an denen ich die grosse Verantwortung spüre und merke, dass es Auswirkungen auf andere haben wird, wenn ich Fehler mache. Es kommt meistens dann viel besser als befürchtet. Dennoch ist es nicht schlecht, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, was einem persönlich wichtig ist, warum man sich für diesen Job entschieden hat. Und sich zu fragen, ob dieses Ja immer noch gilt.

Es ist faszinierend und berührend, wie viele gute Begegnungen, gute Menschen und positive Energie Mitarbeiter in den Betrieb bringen und wie viel entstehen kann. Wie viel ein funktionierendes Gebilde für einzelne Menschen und ganze Familien wert ist. Dafür lohnt es sich, zu investieren. In unseren Teamsitzungen spüre ich, wie sehr sich über die Jahre die Kultur geändert hat: Wir fangen heute pünktlich an, wir hören einander zu, lassen uns ausreden, können Dinge auch aus verschiedenen Perspektiven anschauen, die verschiedenen Berufsgruppen trauen sich den Mund aufzumachen, ein Arzt hat nicht einen höheren Stellenwert hat als eine MPA. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Was ich als Führungskraft relativ schnell gelernt habe: Wenn etwas gelingen soll, musst du andere teilhaben lassen, musst du sie mitnehmen. Dabei macht es einen grossen Unterschied, ob du das Ziel vorgibst und den Weg – oder ob man Freiheit lässt, damit Dinge entstehen können. Wenn die Leute selber machen können, entsteht meist mehr und die Ziele werden übertroffen.

Auffallend ist, wie viele Leute in höheren Funktionen sich bis zum Letzten verausgaben, bis sie fast zusammenbrechen. In einer verantwortungsvollen Position aber musst du realisieren, dass du dich um dich selber kümmern musst. Manager voll am «Anschlag» imponieren mir nicht besonders. Wer seine Dinge nicht für sich selber regeln kann, der kann sie auch nicht für andere regeln.

Ich habe 50 überschritten. Vieles, was ich angepackt habe, hat funktioniert. Ich mag es immer noch sehr, neue Sachen anzufangen und werde dabei noch immer ungern bevormundet. Zum Glück höre ich von meiner Geschäftsleitung ganz oft: «Mach einfach!»

3 Kommentare zu „Mach einfach!“

  1. Susanne Joy Rothmund

    Sehr geehrte Frau Kalbacher
    Am Meisten imponiert mir der Satz, Manager voll am “Anschlag” imponieren mir nicht besonders!
    ich habe mich mit über 50 Jahren selbständig gemacht und das ist genau das Thema das mich täglich begleitet. Es wäre sehr interessant für mich zu wissen, was sie machen um das nicht geschehen zu lassen!

    Vielen Dank für Ihren Lebensbericht.
    Herzliche Grüsse vom Rheinfall
    Susanne Joy Rothmund

  2. Annemarie

    Ein wunderbar inspirierendes Beispiel für einen Lebensweg, der nicht geradlinig ist, obwohl er für manche vielleicht so wirkt. Vielen Dank – vor allem für die Passage: “Wenn ich immer das gemacht hätte, was die Leute von mir erwarten, wäre ich heute Wurstverkäuferin”.

  3. Barbara Jäger

    Liebe L3 Leitende Claudius und Christoph
    was ich auch noch sagen will:
    nach einer Weiterbildung weiterhin im NETZWERK zu sein, “persönlich” angeschrieben zu werden, nicht einfach mit weiteren Kursangeboten zugetextet zu werden, ist sehr sympatisch! … ein Reminder, gewissermaßen… dass einem das eine oder andere ge. und wichtige Element der Weiterbildung wieder ‘aufpoppt’ und in Erinnerung kommt!… SUPER.
    ich freue mich auf eure weiteren Blogs 😉

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