Schraube locker

Ein Tag zuhause. Es gibt einiges zu tun, was liegen geblieben ist. Im Vorübergehen fällt mein Blick auf das Gestell in der Werkstatt. Genauer: auf die grosse Schale mit den vielen gebrauchten Schrauben. Sie stammen von einem Hüttenbau Projekt mit den Kindern, sind noch gut und könnten wiederverwendet werden. Nur liegen sie schon ziemlich lange dort und noch nie kam der richtige Moment sie zu ordnen.

Gefühlte tausend Schrauben. Schluck! Schnell weiter, die Schale aus meinem Bewusstsein streichen und weitergehen…Es gibt es viel Wichtigeres zu tun, nicht wahr? Nein. Ich setze mich an die Werkbank und fange an, zu sortieren. Zuerst die langen 10er Holzschrauben, das geht schnell. Dann allerdings wird es kniffliger. Die Schrauben unterscheiden sich optisch kaum noch voneinander. Kreuzschlitz sind noch am leichtesten zu identifizieren. Die anderen sind sich zum Verwechseln ähnlich: Gleich lang aber unterschiedlich im Durchmesser. Oder bei gleichem Durchmesser mit unterschiedlichem Kopf. Oder unterm Kopf gefräst oder nicht. Oder mit jenem oder anderen Kopf bei gleichem Durchmesser…

Es geht mühsam und sehr langsam voran. Sehr, sehr langsam. Die Ungeduld wächst. Vielleicht hilft der Versuch, dem Schraubensortieren eine meditative Komponente abzugewinnen?

Funktioniert nicht. Aber ich mache weiter. Warum eigentlich? Warum diese sinnlose Arbeit? Genauso gut könnte ich die Schrauben mitsamt der Schale ins Alteisen werfen und am Nachmittag zum Recycling bringen. Ein neues Schraubenset kostet nicht die Welt, oder? Aber ich mache weiter. Eine Schraube nach der anderen, die einen hierher, die anderen dorthin, die dritten in jenes Fach…

Dann passiert etwas Unerwartetes. Die Schrauben finden plötzlich ganz mühelos ins richtige Abteil der Schraubenbox. Wie bitte geht das auf einmal?

Ohne es zu merken oder es bewusst zu wollen habe ich etwas gelernt: Statt die Informationen Länge, Durchmesser, Steigung, Gewinde, Kopfmodell, Bit Mass etc. mit den Augen zu erfassen hat der Tastsinn «ungefragt» das Kommando übernommen. Und prozessiert die vielen Informationen elegant verdichtet, entsprechend schnell und verlässlich zu einer Entscheidung. «Wow» höre ich mich selber flüstern.

Was hat das mit Arbeit zu tun? Mit meiner Arbeit? Mit Ihrer Arbeit? Unserer gemeinsamen Arbeit? Was mit Lernen, Führung, Organisation, Qualität, Leistung?

Ich komme zu folgender vorläufigen Antwort: Manchmal wissen wir nicht einmal, dass wir etwas lernen könnten. Geschweige denn was oder warum. Eine Portion Beharrlichkeit und Hingabe an den Moment eröffnen vielleicht jedoch Möglichkeiten, die wir nicht einmal erahnen.

Lernen heisst in diesem Sinne, eine Art Schraube locker haben.

4 Kommentare zu „Schraube locker“

  1. hannah Nora Egli

    Lieber Claudius
    spannende Erfahrung! Wie werden wir doch in unserer Kultur geschult auf analytisches Denken und meinen je mehr Einzelheiten wir zusammenfügen, dass wir dann das Ganze, den Sinn, das Muster sehen können. Analytisch und bewusst denkend können wir Durchschnittsmenschen etwa 4-8 Komponenten gleichzeitig verarbeiten. Dass unsere Sinne aber ohne bewusst zu denken viel mehr Inhalte gleichzeitig miteinander verrechnen können (Fachleute reden von 60 – 80 oder mehr Komponenten!) und ein unglaublich sicheres Gefühl für Stimmigkeit aufbauen, das wird häufig zu wenig beachtet. Aufmerksam dran bleiben und dabei in eine schwebende Aufmerksamkeit wechseln, das kann diese “Türen” aufmachen. Wow, so macht Lernen Sinn und ungeahnte Leichtigkeit und Stimmigkeit entstehen.
    Vielleicht heisst “eine Schraube locker haben” uns weniger auf die Einzelheiten zu versteifen und so Zugang zum inneren Lernkompass zu finden. Lockere Schrauben haben “Spiel”, sind beweglich, lassen Verschiebungen und Lücken zu. Lücken, in denen neue Lebendigkeit aufblitzen kann, echtes Lernen!

    Herzliche Grüsse
    Hannah

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Hannah
      Also gibt es auch für Dich diesen “inneren” Lernkompass, ich finde das eine sehr interessante Spur! Danke und herzliche Grüsse bis zur nächsten Gelegenheit, sie gemeinsam zu verfolgen!

  2. Verena Binkert

    Was für ein starker Blog an diesem wunderschönen Sonnensommertag. Danke. Vor allem hat er in mir ein beglückendes Déjà-vu Erlebnis ausgelöst. Nämlich die Bestätigung, wie oft ich solche gute Erfahrungen mache. Wo aus vermeintlich Langatmigen plötzlich Fliessendes wird. Den Fragen der Kobolde auf den Schultern wie ‘wozu kriechst du hier im Kreis’, ‘wozu soll denn dies gut sein’, ‘wieso stehst du wieder vor demselben Hindernis’ nicht mehr zuhören und weitermachen. Und dann dieses Gefühl, …jetzt läuft es plötzlich und hat auch noch einen Sinn, ein Ergebnis – einen Schritt weiter!
    So gut!
    Erinnert mich an ein Gedicht aus der Schulzeit:

    Es chont, es geit
    z’erscht chont meh aus geit
    doch gli chont’s so wie’s geit
    bes alles geit
    ond nüt me chont.

    Herzliche Grüsse
    Verena

  3. Silvia Erb

    Lieber Claudius
    Meine Lieblingsstelle in deinem neuen Blog
    … und der Tastsinn hat ungefragt das Kommando übernommen…
    oder anders gesagt
    das be-greifen hat begonnen.
    Gott sei Dank verfügen wir über diesen Sinn, und darüber hinaus noch über die Fähigkeit uns auf unser Bauchgefühl zu verlassen und uns davon leiten zu lassen.
    Ich gratuliere jedem zu dieser Erfahrung!
    Und insgeheim wünsche ich dir nochmals irgendwo in deiner Schrauberwerkstatt so ein Sammelsurium an unversorgten und vielleicht wieder einmal zu gebrauchenden Gegenständen.
    Denn ich meine doch gerade diese Eintöpfe aus Schrauben, Nägeln, Vorhanggleiter, Wollknäuel, Nagelscheren, Rabattmärkli, Geschenkbänder, Filzstiften, Klebebändern und und und… verleiten und erlauben uns eine ungeheure Portion an Kreativität.
    Ich gratuliere allen die über so eine “Gnusch-Schublade” verfügen. Und wer jetzt denken mag, die hat wohl eine Schraube locker. Könnte sogar stimmen. Doch wie bei Hannah zu lesen, lockere Schrauben haben “Spiel” und lassen “Platz” für neue Ideen und Gedankengänge.
    Herzlich willkommen in der Welt von Führungskräften.

    Ich grüsse herzlich vom Bodensee
    Silvia Erb

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