Tierisches, Allzutierisches

Der „Wolf of Wallstreet“, verurteilter Betrüger und dank Hollywood ein lebendes Denkmal, ist neuerdings Motivationstrainer. Auch in der Schweiz. Im weitesten Sinn also ein Herr Kollege. Wobei Herr Belfort, so der bürgerliche Name, seine erste Karriere jenseits der Legalität anscheinend nicht wirklich an den Nagel gehängt hat. Warten doch, während er als Redner reich wird, noch ungezählte Geschädigte des ehemaligen „Investors“ vergeblich auf die Rückzahlung ihres veruntreuten Vermögens.

Egal. Oder doch nicht?

Jedenfalls ist die Botschaft so einfach wie eingängig: „Dein Wille entscheidet. Du bist Herr deiner Welt, nicht Knecht der Umstände…Es gibt unter den Menschen Enten und Adler. Die Enten quaken Ausreden daher, die Adler packen zu.“

Für Sätzchen wie diese wird der Redner bejubelt. Von Menschen, die gerne Adler wären.

Szenenwechsel. Abteilung Neonatologie eines Kantonsspitals in der Schweiz: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten an der Grenze zwischen Leben und Tod. Sie finden immer wieder neue Behandlungswege, Schulter an Schulter, Hand in Hand und ganz selbstverständlich Disziplinen übergreifend. Sie fordern und hinterfragen sich gegenseitig, lernen voneinander, kümmern sich um einander wenn es „zu viel“ wird. Sie freuen sich mit den Kindern und den Eltern und spenden Trost. Hier gibt es keine Herrinnen oder Herren der Welt. Hier wirkt gemeinsamer Wille. Nur weil es viel mehr als zwei „Tiere“ gibt überleben so viele kleine Patienten!

Arbeit wie diese machen Menschen, die gerne Menschen sind.

5 Kommentare zu „Tierisches, Allzutierisches“

  1. Silvia Erb

    Lieber Claudius
    Diese Worte berühren mich sehr. Zugegeben, die Beschreibung von Enten und Adlern übt auf mich irgendwie Faszination aus. Doch gleichzeitig fühle ich mich zur “Mehr-Tier-Welt” hingezogen. Vermutlich, weil es dort menschlicher zu und her geht und vor allem Menschen im Mittelpunkt der Arbeit stehen.
    Aus eigener Erfahrung weiss ich wie fragil die Arbeit von Menschen für Menschen sein kann. Miteinander über die Arbeit sprechen, was ist schwierig, wie geht es uns in der Arbeit, wohin mit den eigenen Gefühlen…
    Einander unterstützen, wenn es “zu viel” wird. Einander helfen Hilfe anzunehemen, wenn es “zu viel” wird.
    Schön, wenn ein Klima von Vertrauen herrscht wo auch über die Angst vor dem Scheitern gesprochen werden darf.
    Ich meine, sollte dies nicht ser Fall sein, wäre es ok, Adler zu sein. Adler sein und anpacken um auch Themen wie Scheitern oder Selbstzweifel, Angst oder Trauer zu besprechen. Adler sein, damit keine von Enten gequakten Ausreden Platz bekommen. Adler sein, damit gemeinsamer Wille und Ziel weiter im Fokus bleiben.
    …und als Führungsperson möchte ich hin und wieder Adler sein dürfen, mich in die Höhe schwingen um den Überblick behalten zu können…

    Danke für dieses schöne Bild in deinem Blogg.
    Es inspiriert sehr, nachzudenken und mit Mit-Menschen darüber zu reden

    Lieber Gruss
    Silvia Erb

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Silvia
      Danke für deinen Kommentar. Das Problem beim Adler-Enten Bild finde ich, dass es die “Welt” auf etwas dumpfe Art vereinfacht und sie – frei nach Einstein – einfacher macht als möglich. Von sinnvoll reden wir noch gar nicht 🙂
      Liebe Grüsse!

  2. Hannah nora Egli

    Lieber Claudius,
    und wie reichhaltig könnte sich die Begegnung zwischen Menschen verändern, wenn die Adler und die Enten sich am Seeufer treffen und einander zuhören könnten. Die Adler bekämen Einblick in die Unterwasserwelt mit Seeschnecken, Fischschwärmen und Feinschmeckeralgen. Die Enten würde staunen über den Weitblick der Adler und ihre Erfahrungen im brausenden Sturm über den Bergen und Tälern.
    Und die Möglichkeit des Betruges würde in ziemlich weite Ferne rücken.

    herzliche Grüsse
    Hannah

  3. Claudia Benninger

    allegra Claudius
    Du beschreibst mit deinen Worten ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Auch in der Schule sind wir immer wieder konfrontiert mit Wölfen, die ihre kleinen Wölfe heranzüchten. Empathie kommt bei diesem Schlag nicht im Gedankengut vor. Ist auch nicht nötig, weil man mit Geld ja alles erreichen kann. Hin und wieder frage ich mich, wer schlussendlich die Überhand gewinnen wird: Die einsam heulenden Wölfe oder die Vielfalt. Und zweifle damit auch am Menschen und an unserer Gesellschaft.
    Herbert Grönemeyer hat diese Woche in einem Interview gesagt: “Für mich ist das 21. Jahrhundert eigentlich das Jahrhundert der Menschlichkeit. Ich rufe das jetzt einfach mal aus. Irgendwer muss ja anfangen damit.” Ich schliesse mich ihm an!

  4. Anneliese von Felten

    Ich kenne dieses Adler-Enten bzw. Wolf Muster auch aus meinem beruflichen Alltag: Junge Menschen, die zunehmend statt breiter akademischer Kompetenzen eine Sandkastenmentalität mitnehmen: Wie kann ich dem anderen die Schaufel klauen a)ohne dass es auffällt
    b)und wie argumentiere ich, dass die Schaufel eigentlich mir gehört, wenn es auffällt
    c)welchen Anwalt nehme ich, wenn ich mich mit a) und b) nicht durchsetze.
    Die Aufgabe ist, diese Mentalität zu verstehen und zu thematisieren – und Alternativen anzubieten, auch wenn das System rundherum diese Infantilisierung unterstützt durch Credit Wahn und Elitedenken.

    @Claudia: Ich schliesse mich an!

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