Welche Rolle spielen Rollenspiele?

Rollenspiele in Training und Beratung geniessen nicht den allerbesten Ruf. Für die einen sind sie prinzipiell „künstlich“ und widerspiegeln nicht die „richtige“ Welt. Andere exponieren sich nicht gern und fühlen sich unsicher ausserhalb vertrauter Verhaltensroutinen. Wieder andere stünden Rollenspielen prinzipiell gar nicht einmal ablehnend gegenüber. Wenn es nur nicht so wäre, dass das Niveau der zu spielenden Situationen oftmals eher an die Teletubbies erinnert als an Erwachsenenbildung.

Niemandem soll die subjektive Sicht auf Sinn oder Unsinn von Rollenspielen streitig gemacht werden. Vielleicht aber macht folgende ganz persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit dieser Methode Lust, sich doch (noch) einmal auf das spielerische Erkunden eigener und fremder Rollen, Muster und Möglichkeiten einzulassen.

Im Rahmen eines internationalen Lehrgangs hatte ein Teilnehmer aus einem südamerikanischen Land die Rolle eines werdenden Vaters zugeteilt erhalten. Diese beinhaltete, eine bestimmte Auszeit vor und nach dem angegebenen Geburtstermin Urlaub durch zu setzen – gegen die ebenfalls legitimen Urlaubswünsche der zahlreichen anderen Gruppenmitglieder.

Gegen Schluss des Rollenspiels sicherte sich der Teilnehmer seinen Urlaubswunsch mit einem Plädoyer der ganz besonderen Art: emotional engagiert, feierlich im Ton und gleichzeitig unnachahmlich schalkhaft forderte er die Kolleginnen und Kollegen auf, sich vorzustellen, wie traurig es für den kleinen „Hectorito“ wäre, ohne seinen Papa Hector auf die Welt zu kommen. Die Mischung aus echter Emotionalität und Augenzwinkern war es wohl, die die Gruppe veranlasste, dem rollenspielenden Papa in spe die volle Urlaubszeit zu gewähren. Wohlgemerkt um sich mit diesem Entgegenkommen die Lösungsfindung keineswegs einfacher zu machen.

Einige Zeit später dann die verblüffende Nachricht: Hectorito ist unterwegs. Wirklich. No kidding. Auf die scherzhafte Nachfrage, ob das Rollenspiel damit zu tun gehabt habe, meinte der Teilnehmer Hector: Ob wir es glauben oder nicht – im Rollenspiel habe er gemerkt, dass es ein gutes Gefühl gewesen sei, Papa zu werden. Das habe er dann seiner Frau berichtet und sie hätten gleich sich an die Umsetzung gemacht.

Mittlerweile krabbelt dieser Knirps irgendwo in Südamerika herum, dieser lebende Beweis, dass Rollenspiele manchmal eine Rolle spielen.

3 Kommentare zu „Welche Rolle spielen Rollenspiele?“

  1. Stefan Weber

    Rollenspiele bringen es, das kann ich bestätigen: Die schwierigen Gespräche laufen einfach besser, weil ich mental und emotional schon einmal “dort” war und stärker bin, insgesamt gelassener. Damit bin ich nicht zuletzt auch ein besserer Gesprächspartner für mein Gegenüber, vor allem in heiklen Gesprächen und unter Druck.

    P.S. Über einen Hectorito muss ich auch einmal reden mit meiner Frau :-).

  2. Regula Müller Thut

    Eine wunderbare Geschichte! Danke dafür:-)
    Ich bin überzeugt, wenn Rollenspiele sinnvoll aufgebaut und eingesetzt werden, gehören sie zum Repertoire von seriösen Angeboten in der Weiterentwicklung. Wo kann ich sonst üben ohne “wirklich” auf die Nase zu fallen?!

  3. Franziska Schilter

    sich mit seriös geführten und begleiteten Rollenspielen auf schwierige Themen im Alltag sozusagen “fit zu machen” sehe ich als gute Methode des Lernens. und wenn es dann im “Ernstfall” noch gelingt den passenden Humor auch spielen zu lassen, ja dann finde ich jeweils… ist doch gar nicht so schlecht gelaufen.

    P.S. das gilt übrigens nicht nur in der Berufswelt..auch bei den kleinen, oder dann nicht mehr so kleinen Hectoritos……

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

Folgende HTML Tags und Attribute sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

CAPTCHA
Change the CAPTCHA codeSpeak the CAPTCHA code