Wir sind, wo wir sind

Dieser erfahrene HR Mann ist gelernter Literaturwissenschaftler. Freundlich, engagiert, gescheit, herzlich, offen. Schonungslos und selbstkritisch berichtet er von den Schwierigkeiten, mit denen er sich seit Jahren herumschlägt. Und gibt zu, dass er die Geduld langsam verliert. Er versteht zwar, dass individuelles Karrierestreben alles ist in gewissen Kulturkreisen. Er hat es aber satt, ein Heer von Anwälten im Unternehmen zu wissen, das seit Jahren für astronomisch viel Geld Corporate Governance «machen» muss. Und dass diese Regeln seit Jahren immer wieder unterlaufen und zugunsten des individuellen Karrierefortschritts missachtet werden. Mit enormem Schaden für das Unternehmen.

«Die Lösung»? fragt dieser feinsinnige Mann zurück. «Wir haben noch strengere Regeln aufgestellt und werden es jetzt machen wie im Mittelalter: Den Kopf von zukünftig Fehlbaren auf einer Stange durchs Unternehmen tragen. Bildlich natürlich nur. Zur Abschreckung».

An einem anderen Ort, in einem Unternehmen, in einer ganz anderen Branche. Ein Naturwissenschaftler dieser andere Mann, in der Nachbarstadt des ersten aufgewachsen. Er ist mehr geübt im Umgang mit Zylindern, Kolben, Chemikalien, Höllenmaschinen. Ebenfalls schon lange im Geschäft. Er hat erlebt, wie die meisten Mitbewerber verschwunden sind vom Markt, den er nüchtern als «gnadenlos» beschreibt. Dieser Mann spielt Posaune. Er hat vier Stück davon zuhause im Schrank.

«Die Lösung…», er macht eine Pause. «Die Lösung ist eine Mutkultur: Neugierig bleiben, Fehler riskieren. Uns gegenseitig die Fehler verzeihen. Zusammenarbeiten und unsere so wichtigen Egos auch mal vergessen. Uns vor allem der Angst stellen, nicht zu genügen, es nicht zu schaffen. Uns Halt geben im Unbekannten, lebendig bleiben. Menschlich…»

Wer wir sind, ist nicht ganz unwesentlich. Mit wem wir arbeiten, in welchen Gruppen und Organisationen ist jedoch entscheidend. Wir sind nicht gut oder schlecht oder dazwischen oder einmal so oder so.

Wir sind, wo wir sind.

6 Kommentare zu „Wir sind, wo wir sind“

  1. roberto.buner@flowstate.ch

    Lieber Claudius
    Die beiden Beispiele machen (mich) betroffen. Ich stelle mir die Frage: Und wo stehst du? Dazwischen? Zeit, dass wir unser doch schon vor einiger Zeit vorgenommenes Gespräch bei einem Glas Wein nun mal realisieren. Es gibt einiges zu erzählen. Nicht nur von meinem Erlebnis des Hole in one. Sondern auch bezüglich der von Dir aufgeworfenen Thematik. Ich grüsse Dich von Schnee zu Schnee. Denn nicht nur in Appenzell, sondern auch hier haben wir Neuschnee. Mit zur Zeit sonnigem Gruss Roberto

    1. Dr. Claudius Fischli

      Lieber Roberto
      Ich stehe daneben 🙂
      Doch, im Ernst. Neben dem Kunden, der Klientin, dem Coachee, der Teilnehmerin. Dort sehe ich meinen Platz in der Begleitung.
      Ja, lass uns bald das Glas Wein als Vorwand nehmen, uns zu treffen. Oder umgekehrt 🙂
      Liebe Grüsse, ich melde mich!
      Claudius

  2. Anja Guler-Lang

    Lieber Claudius
    Ich habe gerade deinen Blog gelesen. Hmm, wie unten bei dir im Mail so schön steht, Führen und Lernen bedingen sich.

    Neulich hatte ich als Vertretung eine Klasse, die sich beschwert hat über eine Lehrkraft, die nichts mehr Neues ausprobiere als «Blätter lösen, Spiel zur Belohnung, wieder Blätter lösen, wieder gleiches Spiel…..» Was habe ich gemacht? Mit ihnen geredet. Ich habe gefragt, warum denn eine Lehrkraft soweit kommen könnte, so zu unterrichten. Die Antwort kam lapidar: «Damit wir weniger blöd tun.»

    Ich habe dann ganz offen gesagt, ich hätte keine Lust so zu unterrichten. Und mir stinke es, die gelbe und rote Karte einzusetzen. Das hätte ich noch nie tun müssen. (Es ist tatsächlich so, dass die Kinder – eher Jugendlichen – mich gebeten haben, die Karten zu verwenden. Sie wüssten dann, dass es ernst sei. MIR IST ES IMMER ERNST.) Weiter geredet, weiter gefragt….. Und irgendwie hat es genützt. Ich glaube, sie haben mich hinter dem Führen gespürt, nein nicht hinter, sondern im Führen. Ich glaube, das wollen wir alle. Den Mensch darin sehen, kein Diagramm, keine Firmenstruktur, keine Führungsbibel. Spüren, die Person, die da steht, hat sich etwas überlegt, hört zu und ist sich auch nicht zu schade, einmal einen Fehler zuzugeben. Eine Schülerin hat es so formuliert: «Man merkt, dass sie wollen, dass wir lernen und verstehen.»

    Stimmt. Das will ich. Und das Schlimme ist, ganz viele Lehrkräfte haben vergessen, was sie wollen. Oder jammern, sie hätten zwischen all dem Administrativen nicht mehr Zeit für das Kerngeschäft! Aber das Kerngeschäft sind wir. Nicht die Vorbereitung! Tönt irgendwie überheblich. Aber ich bin überzeugt, dass die Beziehung zu den Kindern mehr wert ist, als das perfekte Arbeitsblatt. Vielleicht sollten Lehrkräfte so mutig sein und den Kindern sagen, was sie wollen, was ihr Ziel ist. Auch wenn man ihnen so die Möglichkeit gibt, das zu sabotieren. Und ich glaube weiter, dass der Unterschied zwischen Angestellten und Schülerinnen und Schülern dahingehend gar nicht so gross ist…..

    Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag
    Anja

  3. Hannah Nora Egli

    Lieber Claudius

    wir sind wo wir sind. Ja, aber sicher nicht am Köpfe durch das Unternehmen tragen, denke ich. Aber wenn ich mit meinem Vorgesetzten wieder und wieder an meine Grenzen stosse, wenn die Fehlerkultur überstrapaziert wird, Ja, dann tauchen alte Muster auf und wollen angeschaut und verändert werden. Nur dann können wir menschlichere Formen der Begegnung entwickeln, nur dann können die so herausfordernden persönlichen Unterschiede wieder als Bereicherung gesehen werden.
    Wir sind wo wir sind,…..und wo wir hinwollen!

    herzliche Grüsse
    Hannah

    1. Claudia Benninger

      allegra Hannah

      Vielen Dank für deine Gedanken und treffenden Formulierungen. Ich bin unterdessen ein Fan von deiner Schreibkunst. Falls du mal ein Buch schreibst, werde ich es kaufen.

      salids
      Claudia B.

  4. Silvia Erb

    Liebe Bloger und Blogerinnen
    Ich bleibe hängen. Am letzten Absatz von deinem Blog, Claudius.
    Es stimmt, ich bin nicht ganz unwesentlich und manchmal erlaube ich mir auch das Gefühl, ganz wesentlich zu sein. Aber die Tatsache, in welchen Gruppe oder Organisationen ich mich bewege ist definitiv das Ausschlaggebende. Und manchmal hilft nur noch, ausgetretene Wege zu verlassen, den Rückwärtsgang einzulegen und der Sackgasse adieu zu sagen.
    So geschehen.
    Jetzt mache ich mich auf den Weg ins Unbekannte. Mutig, interessiert und wissend, Fehler zu begehen -mich dabei aber wieder lebendig fühlend.

    Ich wünsche euch allen einen lebendigen Tag
    Herzlich
    Silvia

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