Wollen oder können

Auf erste erfolgversprechende Versuche folgen nicht selten Phasen der Ernüchterung: Eben hat man als kleiner Mensch die ersten Meter auf dem Velo ohne Stützräder geschafft und schon haut es einen hin. Die ersten Pfunde Winterspeck sind geschmolzen, aber dann geht gar nichts mehr Richtung Bikini- bzw. Badi Figur für den nächsten Sommer. Der Kick-off Workshop mit den externen Beratern war cool, aber leider fehlt jetzt die Zeit, das zu machen, was man sich im Hochgefühl der Zusammenarbeit in der Abteilung hoch und heilig versprochen und vorgenommen hat. Das „Tagesgeschäft“ ist einfach zu dringend. Die Deadlines rücken immer schneller immer näher.

Die Chefin einer Zürcher Autowerkstatt erzählte folgende Geschichte:

“Sie tönt wie ein Witz, stimmt aber: Ein Chirurg brachte den Wagen in die Werkstatt, die Bremsen würden nicht funktionieren. Das war tatsächlich so, da war überhaupt kein Bremsdruck vorhanden. Ob nie etwas aufgeleuchtet habe, wollte der Mechaniker wissen. Da kam dem Chirurgen in den Sinn, dass ihn sein Vater mal gefragt habe, ob ihn das rote Lämpchen beim Fahren nicht störe. Doch, es störte ihn. Also «operierte» er es kurzerhand aus dem Armaturenbrett.“

Die allermeisten Kinder beweisen bewundernswerten Willen und enorme Hartnäckigkeit auf dem Weg zu ihrem Ziel. Sie stürzen, reiben das schmerzende Knie, fassen sich ein Herz, steigen so lange wieder auf das verdammte Ding, bis es klappt. Die Wenigsten bitten die Eltern, die Stützräder doch wieder zu montieren, weil sie damit leichter ist, die Sache mit dem Fahrradfahren. Warum? Weil sie “richtig” Velo fahren wollen.

Wir erwachsenen „Profis“ operieren zuweilen lieber Warnleuchten aus dem Armaturenbrett.

Nicht weil es sinnvoll ist.

Sondern, weil wir es können.

5 Kommentare zu „Wollen oder können“

  1. F. Hodel

    Bei uns operieren wir die ganze Zeit Warnleuchten heraus: Kritische Stimmen werden entfernt, offensichtlich Missstände schöngeredet. Warum ich nicht schon längstens das Weite gesucht habe? Weil es andernorts nicht besser ist und ich meinen Teil weiterhin beizutragen versuche. Und die Verletzungen nicht allzu tragisch zu nehmen.
    Danke für den Blog, herr Fischli, er ist immer wieder lustig und ernsthaft zugleich. Meinem Chef gebe ich ihn auch zum Lesen. Er findet ihn manchmal nicht so lustig. In den Spiegel schauen ist halt mängisch nicht leicht 🙂
    Grüsse ins Appenzell aus dem bernischen Seeland!

  2. Rolf Schmid

    Was für eine schöne Geschichte, lieber Claudius. Wir sind gerade heute Morgen mit der Eröffnungskonferenz ins neue Schuljahr gestartet. Das Motto: “Für’s Läbe gärn … Herausforderungen anpacken!” Thomas “Thömu” Binggeli, CEO und Gründer der Thömus AG, berichtete dabei über seine Liebe zum Velo und wie aus dem Veloshop auf dem Bauernhof ein Hightech-Produkt, das Thömus-Montain-Bike, entstand. Packend, beeindruckend und motivierend! Passend zu deiner Geschichte… Lieber Gruss aus dem Zugerland, Rolf

  3. Silvia Erb

    Ok, ich gebs zu!
    Ich gehöre auch zu denen, die ab und an Alarmanlagen und Warnleuchten deaktivieren.
    Gleichzeitig aber auch den Mut in meinem Leben zu haben,
    wenn ich hinfalle wieder aufzuzustehen, die Krone zu richten und weiterzugehen.
    Ich wünsche euch allen ein mutiges Leben.

    1. Dr. Claudius Fischli

      …ein Hoch auf den Mut und alle Mutigen: Stichwort Arbon, 5. September 2018 🙂
      Spritzwein (wie der ehemalige Wiener BM Häupl zu sagen pflegt) ist kaltegestellt, auf ein baldiges Prost!
      Liebe Grüsse
      Claudius

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