Work in progress

Meine letzten Beiträge haben Unmut ausgelöst. So unbeabsichtigt das auch war, so deutlich waren einzelne Rückmeldungen per Mail und in persönlicher Mitteilung.

In der lesenswerten schelmischen Novelle «Des Lebens Überfluss» von Ludwig Tieck aus dem Jahr 1839 gibt es eine Stelle, welche das geäusserte Unbehagen schön beschreibt:

«Sucht und Kraft zu vernichten ist aber geradezu der Gegensatz alles Talentes und wird endlich zur Unfähigkeit, irgendeine Erscheinung in ihrer Fülle zu verstehen. Immer «Nein» sprechen ist gar nicht sprechen.»

Es besteht eine gewisse Sorge, dass meine Texte ein Vehikel der Selbstüberhöhung auf Kosten der anderen Anbieter, von bestimmten Organisationen, Methoden, Weltanschauungen sein könnten. Oder allenfalls sogar Ausdruck eines grundlegenden Pessimismus. Dabei sei doch nicht alles schlecht in der Welt und «andere Trainer leisten doch auch gute Arbeit und nicht nur du».

Autsch.

Obwohl sich diese Vermutungen von dem entfernen, was ich als Selbstbild bezüglich meiner Werte, Haltungen und Interessen habe: Die geäusserten Gedanken haben mich erreicht und nachdenklich werden lassen.

Zwischenstand heute, an diesem 4. Mai: Ich möchte mich bedanken für die Offenheit, die ich als Zeichen der Verbundenheit lese, auch wenn mein Ego auch gerne etwas Schmeichelhafteres hören würde (man denke sich hier einen Smiley).

Zwischenstand zum zweiten: Meine Texte sind immer ein Versuch einer ironischen Beobachtung der Branche, der Untiefen des beruflichen Alltags, der Welt da draussen und meiner Selbst. Allein, es scheint unklar, dass es nicht um wehleidige Abgrenzung geht und der Autor sich stets miteinschliesst.

Work in progress.

8 Kommentare zu „Work in progress“

  1. Rolf Schmid

    Ich hoffe, lieber Claudius, dass deine Betrachtungen im Blog weiterhin fliessen. Ich genoss sie jeweils als Denkanstösse und herrliche Auflockerung. Danke für diesen Blog, danke für deinen Humor und deine feinsinnigen Antennen.

    1. Dr. Claudius Fischli

      Lieber Rolf
      Ich denke schon, dass da noch der eine oder andere Gedanke ungedacht und ungeschrieben ist und hier dann zu lesen ist 🙂
      Danke für die netten Worte, liebe Grüsse aus dem Wilden Osten
      Claudius

  2. Esther

    Lieber Claudius
    ich habe dir auf deine letzten Beiträge eine Rückmeldung gegeben. Auch dieser Beitrag hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Es sind für mich Fragen gekommen wie “was bedeutet mir eigentlich dieser virtuelle Raum? Was bewegt mich, mich hier mitzuteilen? Was erwarte ich hier?”
    Der Austausch mit den Leuten hier in diesem Raum und dir bewegt mich häufig dazu, etwas auch von mir mitzuteilen und Gedankengänge weiterzuspinnen. Dies ist wertvoll für mich. Danke dir, dass du diesen Raum schaffst und Danke an alle, die daran teilhaben.
    Manchmal kommt dein Beitrag in einem Moment der gerade passt, manchmal bringt es mich zum Lachen, manchmal werde ich nachdenklich, manchmal komme ich nicht mit und manchmal werde ich auch ein wenig traurig. Den ersten zwei manchmals gebe ich den Vorrang (-; doch ohne die anderen manchmals wäre es nicht das Ganze und es würde wohl auch fad werden. Darum Danke auch für die anderen manchmals, welche ich zwar weniger schnell annehmen kann und bei welchen ich nicht immer so offen bin, um mich hier mitzuteilen. Aber dafür besteht ja auch von dir und den Leser/innen kein Druck.

    Gruss aus meiner Raumschiffkapsel ins Appenzell und an alle anderen Astronauten und Astronautinnen in diesem Space
    Esther

  3. Hannah Nora Egli

    Lieber Claudius,
    nachdenklich habe ich deinen Blog gelesen und bin am Wort “ironisch, Ironie” hängen geblieben. Ein Wort, eine Kommunikationsart, an der ich immer wieder mal herumrätsle, schon länger. Deshalb ein paar Fragen, die mich gerade beschäftigen:
    Gibt es Formen der Ironie, die kein Oben-Unten auslösen? , die verbinden über Unterschiede hinweg?, die nicht nur irritieren, sondern auch nähren und Vertrauen schaffen?, die nicht beschämen und nicht verletzen?, die über Grenzen hinweg vermitteln?, die das Fremde, das Andere uns in grösserer Offenheit sehen lassen?
    Das ist ja das, was ich in deiner/ eurer Arbeit (L3) immer wieder so bereichernd erlebt hatte.

    Ich glaube, dass das in unserer Welt eine ganz wichtige Frage ist, der wir uns auch im Alltag immer wieder stellen sollten. Welche Formen dienen der Lebendigkeit, dem Lernen, der Begegnung?

  4. Claudia Benninger

    allegra Claudius

    Rolf Dobelli hat vor wenigen Wochen in der NZZ eine Kolumne geschrieben, welche mich seither begleitet und die mir beim Lesen deines Blogs in den Sinn gekommen ist. „Die besten Ideen kommen einem beim Schreiben, nicht beim Nachdenken.“ schreibt er.
    Und weiter: „Auch ich (Rolf Dobelli) verharre oft viel zu lange im Nachdenken – weit über den Punkt des maximalen Grübelns hinaus. Warum? Weil es bequemer ist. Weil es angenehmer ist, nachzudenken, als die Initiative zu ergreifen. Weil es behaglicher ist, vor sich hin zu sinnieren, als etwas in die Tat umzusetzen. Weil das Risiko eines Misserfolgs beim Nachdenken null, beim Tun hingegen stets grösser als null ist. … Wer nachdenkt, reibt sich nie an der Realität und kann daher gar nicht scheitern. Wer etwas tut, hingegen schon – dafür sammelt er Erfahrungen.“

    Im Tun wurde ich übrigens immer wieder auch von dir in deinen Weiterbildungen bestärkt, was mich um einige Erfahrungen reicher gemacht hat. Tja – und ich verleugne nicht, dass das eine oder andere daneben ging. «Erfahrung ist das, was man bekommt, wenn man nicht bekommt, was man wollte.» Doch sind es nicht gerade diese Erfahrungen, welche das Leben lebendiger und menschlicher machen?

    Lieber Claudius, ich danke dir für deine niedergeschriebenen Gedanken!
    Claudia

    1. Dr. Claudius Fischli

      Liebe Claudia
      Danke für die feine Art, Dir nicht zu fein zu sein für eigenes Scheitern. Coole Sache.
      Wie schon Heidegger in “Sein und Zeit” festhielt: Das Dasein ist in die Seinsart des Entwerfens geworfen.
      Allegra zurück, herzlich
      Claudius

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